Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

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EMMY LISCHKE

BLUMEN-STILLEBEN

EMMY LISCHKE

Man wird im allgemeinen an dem Axiom fest-
halten müssen, daß die Kunst der Frauen
nur insofern höheren und dauernden Wert be-
anspruchen kann, als in ihr Dinge zum Aus-
druck kommen, die dem Mann genau so zu
formulieren aus psycho-physiologischen Ursa-
chen unmöglich ist. Mit anderen Worten: es
ist das Verhängnis der Frauen, daß sie es in-
folge ihrer leichten Auffassungsgabe und dank
einem beträchtlichen natürlichen Talent zur
Nachahmung rasch zu einer ziemlich hohen
künstlerischen und technischen Fähigkeit brin-
gen. Dann aber stockt zumeist die Entwick-
lung, und ein Darüberhinaus wird fast nie er-
reicht. Es bleibt bei einer geschickten und ge-
schmacklich oft bewundernswerten Wiederho-
lung dessen, was die männlichen Kollegen
ebenso gut (und häufig besser) schon vorher
gemacht haben. Und so kommt es, daß die in
ihrem Wesen vorwiegend rezeptive und eklek-
tische Frauenkunst für die Entwicklung der
Kunst und deren Geschichte, von wenigen Aus-

nahmen abgesehen, bis heute ohne Bedeutung
geblieben ist. Das könnte sich erst von dem
Augenblick an ändern, da es den Frauen, und
zwar auf breiterer Basis als bisher, gelänge,
eine spezifisch weibliche Anschauung von den
Dingen unmißverständlich zum Ausdruck zu
bringen oder die von Männern gefundene Ein-
drucks- und Ausdrucksformulierung so zu va-
riieren, daß wenigstens etwas relativ Neues
entsteht.

Es ist zu bezweifeln, ob es den künstlerisch
veranlagten Frauen jemals in ihrer Gesamtheit
möglich sein wird, diese Forderungen zu er-
füllen. Es scheinen da Hemmungen zu bestehen,
die in der weiblichen Natur selbst begründet
sind und deshalb auch nie ganz ausgeschaltet
werden können. Man wird also immer auf den
Ausnahme- und Einzelfall angewiesen sein, der
dann allerdings für das meiste zu entschädi-
gen pflegt, was man sonst zu vermissen in die
schmerzliche Notwendigkeit versetzt ist. Be-
dauerlich ist nur, daß auch solche Ausnahme-

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