Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

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JUGENDARBEITEN VON LUDWIG KNAUS
IN DER NATIONALGALERIE BERLIN

S

eit der Jahrhundertausstellung 1906 ist das war die französische Schulung deutlich gewor-
Interesse für die Bereicherung unserer Vor- den. Zugleich tritt aber eine Charakteristik auf,
Stellung von der Entwicklung deutscher Kunst die ein anmutiges genrehaftes Ensemble in
nicht ins Stocken geraten. Bekanntes und Ver- Mensch und Umgebung anstrebt,
gessenes, Gewertetes und Ungewertetes, zeit- Neben dieser leicht preziösen Anmut in der
lieh und örtlich gruppiert, deckte ganz von Charakteristik und der mit Bewußtsein gepfleg-
selbst eine neue historische Struktur auf, die ten Malkultur der Oberfläche erscheinen die
manche Urteile zur Umwertung zwang. Zwei 1912 erworbenen Bildnisse des Ehepaars Maes
Momente waren es, die damals als neue Kate- wahrhaft einfach und stark. Gemalt im Jahre
gorien in das ästhetische Urteilsvermögen auf- 1848, während seiner Lehrzeit an der Düssel-
genommen wurden: das Jugendwerk und die dorfer Akademie, bewegt diese Menschen ein
freie Studie. Beide waren unter dem Zeichen schöner Ernst, der ebenso entfernt ist von der
des Impressionismus in das Urteil über das philiströsen Arroganz der dreißiger Jahre, wie
Gesamtwerkdes Künstlers aufgenommen worden, von der gespannten Eigenwilligkeit, mit der das
Beide wollten die strenge Einschnürung akademi- Jahr 48 damals besonders in Düsseldorf einen
scher Observanz, die nur das „fertige" Werk gel- neuen männlichen Typ schuf und die forcierte
ten ließ, zersprengen. Damals wurde der „junge" Repräsentation der fünfziger Jahre anbahnte.
Knaus vergessen. Der
Nationalgalerie gelang
es aber in letzten Jah-
ren, einige Porträts zu
erwerben,dienebenden
gleichgültigen Mach-
werken der Bildnisse
Mommsens und Helm-
holtz' eine Überra-
schung waren.

Schon auf der Jahr-
hundertausstellung hat-
te das 1855 in Paris ge-
malte Bildnis des dama-
ligen Gemäldegalerie-
direktors Waagen be-
sonderes Interesse er-
regt. Es teilt mit dem
ein Jahr später in Paris
gemalten und bekann-
ten Porträt Louis Ra-
venes die leichte Auf-
lockerung der Farb-
schicht, die im Bieder-
meiergeschmack zu ei-
ner emaillierten Paste
verglast war. Der Auf-
trag wird geschmeidig
und ist bestrebt, mit
feinsten Nuancen und
einer sehr ökonomi-
schen Pinselführung,
welche der Form präzis
nachgeht, ohne Linien
und Schattenmodellie-
rung die Form aus der

Farbeaufzubauen.Hier ludwig knaus frauenbildnis

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