Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

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BERNHARD BUTTERSACK

Adolf Lier ist eine zentrale Persönlichkeit der
l neueren deutschen Landschaftsmalerei.
Durch seine Zusammenhänge mit Barbizon und
Fontainebleau, mit Dupre und Daubigny greift
er über nationale Geltung hinaus. Durch eine
höchst bedeutsame Schule, durch Schüler und
Enkelschüler von Rang und durch die mittelbare
Wirkung seines Werkes als eines heiß um-
worbenen Vorbildes ist dessen Ausstrahlung
zeitlich unbegrenzt, sie reicht hinein in die Zeit
und reicht hinein in das Wesen des Impressio-
nismus. Es gibt kaum eine starke Erscheinung
unter den deutschen Landschaftsmalern der
Jahrzehnte 1870—1900, die nicht zu Lier hin-
gestrebt, sich mit ihm nicht auseinanderge-
setzt hätte.

Aus der „engeren" Lier-Schule ging, neben
Wenglein, Schönleber, Poschinger, Malchus,
Bechtolsheim, auch Hermann Baisch hervor,
der als Lehrer und Professor der Karlsruher
Akademieintensive und nachhaltige schulbildende
Kraft besaß. Zu ihm kam im Jahre 1882 der
junge Schwabe Bernhard Buttersack und wurde
auf zwei Jahre sein Schüler, empfing von ihm
die Weihe Lierscher Landschaftsanschauung,
bildlicher Landschaftsabschilderung im Geiste
Liers und wurde so auf den Weg geleitet, in
dessen Verlauf er zu einer der hervorstechend-
sten und zugleich gegründetsten Erscheinungen
der deutschen Landschaftsmalerei wurde. Durch
Begegnungen und persönliche Beziehungen zu
Lier wurde der Zusammenhang Buttersacks mit
dem Alt-Meister der intimen deutschen Land-
schaftsmalerei in späteren Jahren, als Butter-
sack schon nach München übergesiedelt war,
noch enger geknüpft und vertieft. Heute darf
man in Buttersack den eigentlichen Erben und
besten Hüter des künstlerischen Vermächtnisses
Liers erkennen. Aber nicht für sich allein be-
anspruchte und beansprucht er dieses Erbe,
sondern er gibt es weiter an jüngere Fachge-
nossen, an die Generation nach ihm. Als er
sich in Haimhausen an der Amper, in der reiz-
vollen, intimen, noch nicht allzulang auf ihre
malerischen Möglichkeiten hin „entdeckten"
Landschaft im Norden Münchens, sein Haus
errichtet und seinen Hausstand gegründet hatte,
tat er dort eine Art von Privatakademie im
Sinne der einstigen Lierschule auf. Künstler
wie Christian Landenberger, Otto Ubbelohde,
Paul Crodel, Wilhelm Ludwig Lehmann wurden
seine Schüler und zeugen durch ihre Werke für
ihn: überall spürt man, wenn auch zeitlich

modifiziert, in der Entwicklung weitergediehen
und in Neuland vordringend, den Hauch der
Lier-Tradition als der Kunst intimer Land-
schaftsschilderung, liebevollen Erfassens und
Umhegens des Nahen und Kleinen, das durch
das Medium der Kunst ins Bedeutende und
Belangreiche gesteigert wird.

Ehe Buttersack zu Hermann Baisch kam,
hatte er schon die Vorstufen der künstlerischen
Entwicklung erstiegen. Im württembergischen
Schwarzwald, in Liebenzell, am 16. März 1858
geboren, kam er als Kind nach Stuttgart. Seine
Schulbildung zielte auf den Beruf des Architekten
hin, indessen wurde sein malerisches Talent früh
erkannt und besonders von dem Lehrer der
Kunstschule Heinrich Funk, selbst einem beach-
tenswerten Landschaftsmaler, nachdrücklich
gefördert. Jakob Grünenwald und Karl Ludwig,
dessen Gotthard-Bild in der Berliner National-
galerie ihn als einen Meister atmosphärischer
Schilderung ausweist, waren Buttersacks Lehrer
an der Stuttgarter Akademie. Man schrieb
damals 1878 oder 1879, und Bilder Buttersacks
aus dieser Zeit machen ihrem Schöpfer und auch
dessen Lehrern alle Ehre. Da ist z. B. ein „Auf-
ziehendes Gewitter bei Polling" (1879 datiert),
das zwar noch nicht ganz beherrscht ist im
Technischen, den Bildausschnitt etwas konven-
tionell gibt und eine später vermiedene Pathetik
des Naturgefühls verrät, indessen läßt es schon
die Klaue des Löwen ahnen: prachtvoll, wie
der ferne Peißenberg im schwülen Dunst liegt
und wie die Masse des Vorlandberges von dem
über ihm heraufziehenden Gewitter gleichsam
verschlungen wird.

Polling, im bayerischen Vorgebirgsland in der
Zone des Seengebietes zwischen Würmsee und
Ammersee am Flüßchen Ammer malerisch
gelegen, reich an schönen, alten klösterlichen
Gebäuden, noch reicher an einer in ihren stillen
und starken landschaftlichen Motiven mannig-
faltig bewegten Umgebung, wurde Buttersacks
erstes, ergiebiges Studienrevier. Hierher kam
er von Stuttgart und von Karlsruhe aus, hier
erlebte er Sommermonate von spendender Fülle,
hier fand er den Weg ins Herz der Natur,
hier malte er sich in die Landschaft hinein,
verfeinerte Technik und Ausdruck, erstarkte zum
Mann und Künstler. Viele der ausgezeichneten,
in den frühen 1880 er Jahren entstandenen
Landschaften des Malers, die man z. B. im
Jahre 1914 in der Galerie Heinemann in München
und später in einer Kollektivausstellung im

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