Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

Seite: 354
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1825 entstandene Genreszene mit römischen
Geflügelhändlern. Ein fälschlich dem J. A. Koch
zugeeignetes Dorfstraßenbild aus der gleichen
Zeit ist im Juniheft 1921 abgebildet worden.
Es erscheint gleichsam wie ein Zwilling zu dem
ganz entzückenden Gemälde von 1829, das im
Leipziger Museum aufbewahrt und von uns
erstmalig veröffentlicht wird. Die Überein-
stimmungen zwischen den beiden genannten
Bildern sind so augenfällig, daß es keines
ergänzenden Wortes zu den Abbildungen bedarf.

Einen interessanten Einblick in das Schaffen
Michael Nehers vermittelt der Vergleich des
Leipziger Bildes mit der Originalstudie dazu,
die von der Graphischen Sammlung in Leipzig
dank dem Entgegenkommen eines Berliner
Kunstfreundes 1915 erworben werden konnte.
Sie entbehrt des figürlichen Inhalts (auch des
unitalienischen St. Florian auf dem Brunnen),
ebenso der Umrankung des Ganzen durch eine
Rebenlaube. Das gesamte Interesse des Künst-
lers gilt der perspektivischen Anlage des reiz-
vollen architektonischen Motives. Es fällt auf,
mit wie energischer Hand hier alle Linien ge-
zogen sind, im Gegensatz zu der fast ängstlich
zarten Behandlung des ausgeführten Bildes.
Dieses ist in der technischen Ausführung ein

kleines Meisterwerk: Pinselführung und Kolorit
sind ebenso sehr durch Feinheit und Klarheit
wie durch Verschmolzenheit und nuancen-
reiche Delikatesse ausgezeichnet. Über den
Charme des Figürlichen zu reden erübrigt sich.
Neher hat vielleicht nichts Intimeres und
Empfundeneres derart geschaffen.

Die Vorzeichnung nennt als Motiv den klei-
nen Ort Papigno bei Terni, während die In-
schrift auf der Rückseite des Bildes dafür den
Marktplatz von Olevano namhaft macht. Wie
ich durch Vergleich an Ort und Stelle fest-
stellte, ist die letztere Angabe die zutreffende.
Das Datum des Gemäldes ist 1829 (mit dem Zu-
satz: Charlotte v. Speck, München, d. VIII. May
MDCCCXXIX). Die Zeichnung, die sowohl
von 1828 (arabisch) wie 1829 (römisch) datiert
ist, muß in Wahrheit älter sein oder wenig-
stens auf eine Aufnotierung der Situation zu-
rückgreifen, die an Ort und Stelle gemacht
wurde. Als spätester Termin kommt dafür das
Jahr 1826 in Frage, in dem Neher letztmals
in Italien weilte. Er hat italienische Motive
noch bis in die dreißiger Jahre hinein behan-
delt und ist dann — hierin Richter verwandt —
ganz zu nordischen Motiven übergegangen.

Hermann Voss

ERNST TE PEERDT*)

Auf der Deutschen Jahrhundertausstellung im
■«V Jahre 1906, die so manchem verkannten
und vergessenen Talente eine posthume Würdi-
gung zuteil werden ließ, hat Düsseldorf, die
alte, rheinische Kunstmetropole, nicht eben
günstig abgeschnitten. Der breite Banalitäts-
erfolg, den eine gewisse Gattung Düsseldorfer
Malerei vor fünfzig Jahren bei einem urteils-
losen Publikum zu erringen wußte, hatte einen
bösen, auch heute noch nicht überwundenen
Rückschlag ausgelöst, der sich in der Zweifels-
frage verdichtete: Was kann aus Düsseldorf
Gutes kommen? In einer Reihe großer Aus-
stellungen gelang es der jüngeren rheinischen
Künstlergeneration, den objektiven Beweis zu
bringen, daß sie es an einem willenskräftigen
Mitgehen mit den großen Forderungen einer
neuen Zeit wahrlich nicht fehlen läßt. Aber
auch das ältere, heute meist schon zu Grabe
gegangene Geschlecht hat manchen Mann auf-
zuzeigen, der, nicht getragen von der Gunst
seiner Altersgenossen, unbeachtet und still seinen

*) Die Photographien für diesen Aufsatz stellte uns in
dankenswerter Weise die Galerie Flechtheim, Düsseldorf und
Berlin, zur Verfügung. S. auch die Abbild, im Nov.-Heft 1918.

Weg machte und dabei Probleme aufgriff und
zu lösen versuchte, die in der späteren Ent-
wicklung der deutschen Kunst eine bestim-
mende Rolle spielten. Einem jener zu Unrecht
Vergessenen sollte es vergönnt sein, seiner „Ent-
deckung" noch selbst beizuwohnen und sich an
seinem Lebensabend des entbehrten Platzes an
der Sonne zu erfreuen. Es ist Ernst te Peerdt.

Die Galerie Flechtheim in Düsseldorf hat sei-
nerzeit sich der rühmlichen Aufgabe unterzogen,
das Lebenswerk dieses Einsamen in möglichster
Geschlossenheit zusammenzustellen, und mit
Verwunderung standen wir vor einer Kunst, die
sich frei von allen sensationellen Effekten hält,
dabei aber von einer Feinheit der malerischen
Empfindung und einer erfrischenden Freiheit
der Auffassung ist, wie wir sie in den sieb-
ziger und achtziger Jahren des vorigen Jahr-
hunderts in Deutschland nicht eben häufig an-
treffen.

In Tecklenburg in Westfalen 1852 geboren
und in Wesel aufgewachsen, verdankt te Peerdt
seine künstlerische Ausbildung der Düsseldorfer
Akademie, die damals noch unter Bendemanns
Leitung stand. Aber sein Auge war schon früh

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