Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

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JOHANN CHR. REINHART

WASSERFALL

DIE WANDGEMÄLDE JOH. CHRISTIAN REINHARTS AUS DEM
PALAZZO MASSIMI-ROM IN DER NATIONALGALERIE ZU BERLIN

Als der junge Ludwig Richter Weihnachten
l 1824 in Rom seinen Besuch bei Reinhart
macht, findet er den fast 64 jährigen Meister in
Verhältnissen vor, welche das Leben dieses star-
ken und freien Geistes allmählich zu dem eines
Sonderlings haben verengen lassen. Ein starrer
Charakter. Rein und tief in der Anlage, groß,
ja glühend im Streben, fest und sicher in der
Arbeit, kennt seine Kunst nur den einen Gedan-
ken, den Gottesstaat in der Natur nachzubauen.
Etwas Gedankliches durchzieht seine Naturbe-
geisterung, die den Menschen Reinhart zum
eifrigsten Wanderer und Nimrod werden ließ,
der Kunst Reinharts aber etwas Systematisches,
Unbewegliches verlieh. Hierin erinnert er an
Carstens. „Achtung für alles Hohe und Schöne,
aber ohne Liebe", so urteilt der junge Richter.
Wir kennen ihn aus dem Bildnis von E.v. Heuss
(Nationalgalerie, Berlin). Ausdrucksvolle, stark
markierte Züge, kraftvoll in der Figur, unge-
pflegt im Äußeren. Und dort „ein tüchtiger
deutscher Mann, der Sturm und Wetter mehr
ausgesetzt war als der Stubenluft".

Eines Theologen Sohn, ward auch ihm dieser
Beruf bestimmt. Als der 1761 zu Hof geborene
18 jährig auf der Leipziger Universität seine
Studien beginnt, bäumt sich jedoch bald sein
Naturell gegen Dogma und Frömmelei. Und
Oesers brave Zeichenlehre — die 10 Jahre vor-
her Goethe auf den Weg geholfen hatte —
umfängt ihn mit dem sanften Zwang ihres aka-

demischen Systems. Kurz darauf verspottet sein
kritischer Geist Professorenverhältnisse und
Dressur der jungen Maltalente an der Dresdener
Akademie als „Menagerie". Sein Bemühen ist,
vor der Natur frei zu werden. Große Vorbilder
stecken weite Ziele. Als ein längeres Wander-
leben für drei Jahre eine behagliche Ruhe am
Meininger Herzogshof fand unter der persönli-
chen Freundschaft des Fürsten, der allen Son-
derlichkeiten des Freundes, seinen langen grünen
Rock, den kragenlosen Hals mit der offenen
Brust, vor der Hofetikette Schutz gewährte,
war Talent und Können gefestigt; Phantasie
und Empfindung aber noch durchs Motiv be-
stimmt. Im Alter von 28 Jahren ging er 1789
mit dem damals üblichen Fürstenstipendium —
es war vom Markgrafen von Ansbach gestiftet —
nach Rom. Anfangs ändert sich nur das Motiv.
Statt der deutschen Wassermühlen und Häuser
unter Bäumen bilden historische Stätten den
Mittelpunkt seiner Bildphantasien. Daneben
wächst aber auf Wanderungen durch die Cam-
pagna ein Sinn für das Dinghafte und Cha-
rakteristische in den Formen des Bodens, der
Pflanzen, Büsche, Bäume und Felsen, der alles
malerische Getändel des 18. Jahrhunderts weit
hinter sich läßt und einem neuen, kernigen und
männlichen Zeichenstil den Boden bereitet. Die
Radierung bringt mit einer geschickten Licht-
und Schattenverteilung diese Studien fest und
harmonisch zusammen. Für diesen Kompo-

Die Kunst für Alle. XXXVII. Xovember 1921

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