Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

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B Kunstbibliothek
Staatliche Museen
zu Berlin

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M

ALBRECHT ALTDORFER,
DER SCHÖPFER DER DEUTSCHEN LANDSCHAFTSMALEREI

Klassizität verbürgt dem bildenden Künstler
nicht absolute, unerschütterliche Geltung
seines Ruhmes. Auch die alten Meister, die
man als die ruhenden Pole in der Flucht künst- .
lerischer Erscheinungen ansieht, sind nicht ei-
gentlich feste Werte. In dem Maß, als die
Kunstwissenschaft, die noch jung ist und noch
jeder Entwicklung fähig, sich in Details ein-
gräbt, um diese zusammenfassend auf das Ganze
der Kunst zu projizieren, aber auch in der
Parallele zu zeitgenössischen Kunstströmungen
und Kunstrichtungen erfolgen Entthronungen
und Erhebungen unter den alten Meistern. Es
liegt nahe, an den Greco, an Magnasco, an
Guardi zu denken, die erst das letzte Jahr-
zehnt hochhob, während man von dem früher
über alles geschätzten Murillo abrückte, selbst
den „göttlichen Raffael" nicht mehr so ganz
in den Himmel hebt, und vor allem eine Schein-
größe wie Guido Reni ganz fallen ließ.

Noch näher liegt es, darauf hinzuweisen, wie
Matthias Grünewalds Erscheinung an Raum
und Geltung gewann: er, den die Kunstge-
schichtschreiber doch in ziemlichem Abstand
von Dürer und Holbein nannten, ist nun „auf-
gerückt" und hat für viele Dürer „überflügelt",
wenigstens etwas verdunkelt.

Und ähnliches erlebt man nun mit dem Re-
gensburger Meister Albrecht Altdorfer. Einst
als Schüler des Albrecht Dürer bezeichnet (was
indessen nicht zutreffend ist) mit den Kleinmei-
stern zusammengenannt oder gar in das Gefolge
Cranachs versetzt, auf alle Fälle rasch und
lieblos abgetan, wächst seine Persönlichkeit
und sein Werk, dem, nach Friedländers Vor-
gang im Jahre 1891, immer mehr das Interesse
der berufsmäßigen Kunstforscher wie der ge-
nießenden Kunstfreunde sich zuwendet, zu den
Großen, zu den führenden Meistern der deut-
schen Malerei hinauf.

Es ist bezeichnend, daß man Altdorfer heute
mehr mit Grünewald als mit Dürer zusammen-
bringen will: in seinem farbenstarken Kolorit,
in der unerhörten Kühnheit seiner malerischen
Schilderung atmosphärischer Vorgänge will man
die Verwandtschaft zwischen dem Regensbur-
ger und dem Aschaffenburger Meister erkennen.

Man rückt solchermaßen Altdorfer näher zu
sich heran, zieht seine Kunst in den Lichtkreis
der als lebendigst gefühlten Erscheinung der
alten deutschen Malerei. Oskar Hagen sieht
in Altdorfer die Erfüllung der altdeutschen
Landschaft; er ist der große deutsche Meister,
der die Tradition weitergibt: „Die Poesie des
hohen Waldes hat erst Rembrandt wieder so
und dann doch nicht so vollkommen .deutsch' ge-
sehen und sichtbar geoffenbart wie Altdorfer."
Altdorfers Werk, meint Hagen, sei das na-
türlich gegebene Ende einer großen Ent-
wicklung gewesen: Der eigentliche Held im
Stück sei fortan nicht mehr der Mensch, son-
dern die Natur, die ihn hervorbringe und zu
dem ersten ihrer Kinder erhebe, zu dem, mit
dem sie Zwiesprache halte und dem sie ihre Ge-
heimnisse anvertraue. Und dann die schöne
Synthese: „Es ist im Grunde eine bloße Kon-
sequenz, daß der Mensch in solchen Land-
schaften gar keine Rolle mehr spielt. Italienische
heroische Natur bedarf seiner, denn sie ist nur
gesteigerte Leiblichkeit. Deutsche Landschaft
aber ist seelisches Selbstporträt. Die Seele
spricht nur dort ihre ganze Schönheit aus, wo
der Leib selbst nicht mehr zu sehen ist."

Das wiedererwachte Naturgefühl unserer Zeit,
das sich auch die kleinere Erscheinung des
Frankfurters Adam Elsheimer entdeckte, trium-
phiert in der Schilderhebung Altdorfers. Eine
Art von intimem Pantheismus, der mit dem
pathetischen Pantheismus Goethes und der
großen Romantiker nichts zu tun hat, geht
durch unsere Zeit, das Poetische in der Ma-
lerei kommt wieder zu seinem Recht, zärt-
lichere Begabungen finden ihre Freunde, Hans
Thoma und Karl Haider, die des Blickes für
die kleine, zierliche Einzelheit im großen Bilde
der Natur nicht entraten, werden gefeiert. Das
ist eine wohlvorbereitete Stimmung, um Alt-
dorfers Kunst aufzunehmen. Man ist land-
schaftlich gesinnt, weil man richtig fühlt,
daß es ausschließlich die Landschaft ist und
nur sie allein es sein kann, die die deutsche
Malerei weiterführt, ohne daß ein Knick in
ihrer Entwicklung eintritt. Man schaut des-
halb mit schwärmerischer Begeisterung zu Alt-

Die Kunst für Alle. XXXVII. Dezember 1921

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