Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 37.1921-1922

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WANDMALEREIEN
VON EUGEN NAPOLEON NEUREUTHER

Mit besonderem Nachdruck hatte Goethe an
Neureuther gerühmt, daß er nie der Versu-
chung erliege, seine Kräfte zu übernehmen,
sondern streng und zielbewußt die Domäne seiner
besonderen Gaben innehalte und daher recht
eigentlich „über seinem Talent stehe". Dieses
Talent, das sich vorwiegend in illustrativen
Versuchen ausgab, war dem des Liederkompo-
nisten ähnlich, der nicht so sehr im Ersinnen
neuer Gestalten, als im Auslegen und Durch-
geistigen bereits vorhandener geformter Stoffe
den Wert seines Schaffens sucht. Neureuthers
Kunst trägt selber den Charakter der Ranke,
die nicht aus eigener Kraft besteht, sondern
für Stoff und Form des Haltes bedarf, der
eben der Illustration von Natur aus gegeben
ist. Seine selbständigen Werke, namentlich
malerischer Art, treten daher nur ganz ver-
einzelt auf und sind neben den graphischen
Arbeiten von geringem Belang. Die einzige
Ausnahme ist hier die unvergleichlich liebens-
würdige Ausmalung des Hauptzimmers im
ehemaligen Dessauerhaus an der Königinstraße
in München, an dessen Schmuck ja auch
Schwind und Rottmann teilgenommen haben.
Was Neureuther hier geleistet hatte, war das
Köstlichste seiner ganzen malerischen Produk-
tion und mit Bedauern haben wir festzustellen,
daß dieses reizvolle Werk in jüngster Zeit den
Ansprüchen eines veränderten Geschmackes hat
weichen müssen*).

In dem geräumigen, dreifenstrigen Mittel-
saal des ehrwürdigen Altmünchner Hauses
zauberte Neureuther hinter einem rings umher-
laufenden zierlichen Lattenzaun einen Wein-
garten hervor, in dem man, an die Brüstung
gelehnt, die Kinder des Hausbesitzers ihr
Wesen treiben sah. Die älteste Tochter ist

*) Für die Überlassung der Photographien sind wir Herrn
Rittmeister Liebrecht zu Dank verpflichtet, der Sorge trug,
die Fretken wenigstens in dieser Form dem Andenken zu
erhalten.

eifrig in ihr Buch vertieft, das Jüngste ergötzt
sich an dem Goldfisch, den es in einem Glase
vor sich auf den breiten Rand des Zaunes
hingestellt hat, zwei andere machen sich an
einem der Blumenpfeiler zu schaffen, die
rankenartig verzweigt emporsteigen und Quer-
stangen tragen, an denen acht kleine fingierte
Teppiche mit Darstellungen aus der Geschichte
der Psyche aufgeknüpft sind. Der spröde Ernst
dieser von Kaulbach herrührenden Bilder war
durch das glückliche Verhältnis der umrahmen-
den Grotesken und das heitere Treiben der
Kinder in vollkommener Anmut aufgehoben
und verlieh dem wohlabgemessenen Raum
eine anspruchslose und doch einzigartige Weihe,
die namentlich beim vollen Lichterglanz abend-
licher Feste ihren heiter-ernsten Zauber er-
wärmend ausstrahlte. Man sah hier das Edelste,
was die idealistische Malerei jener Epoche
im Rahmen des bürgerlichen Hauses geleistet
hatte, eine dichterische Einheit, die von Cornelius'
Geist geadelt war und doch unbefangen und
genußfroh dem holden Traum der biedermeier-
lichen Romantik nachhing.

Es ist zu beklagen, daß Neureuther später
keine Gelegenheit mehr gefunden hat, sein
Talent in ähnlicher Richtung weiter zu betätigen.
Der Gemäldezyklus zu den Wielandschen
Dichtungen, der im folgenden Jahr (1836)
entstand und nach pompejanischem Geschmacke
in vignettenartigen Bildern im Königsbau den
Salon der Königin schmückte, zwang ihn in
eine ungleich gebundenere Bildform, in der
sein eigentliches Wesen schon nicht mehr rein
erklingen konnte. Die Malereien aber, die er
dreißig Jahre später im Treppenhaus des Poly-
technikums anbrachte, halten sich zu bescheiden
in der Grenze bloßer Dekoration, als daß man
die tieferen Fähigkeiten des Künstlers aus
ihnen ablesen möchte.

Rudolf Oldenbourg f

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