Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

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graphischen Einheit der Druckseite fallen dürfe,
dachte man nur selten daran oder verschloß auch
wohl den ästhetischen Doktrinen zuliebe davor die
klugen, daß die Absicht auf „malerische" Wir-
kungen schon von Anfang an ein Ziel der für den
Buchdruck zeichnenden Künstler gewesen war.
Schon J904 sprach Kautsch einmal von jenen polz-
schnittwerken des ausgehenden fünfzehnten Jahr-
hunderts als von einer „Gefahr, der die neue
Phase der Buchilluftration" schon damals ausge-
setzt gewesen sei. Er sprach von Werken des Nürn-
berger Druckers Anton Koberger, für dessen Pressen
Michel wohlgemut und Wilhelm pleydenwurff
um die Jahre (490 schufen, „wieder sind wir damit
dem Kupferstich um einen Schritt näher: von der
Technik der Kreuzschraffierung ist ausgedehnter
Gebrauch gemacht. Damit kommen immer mannig-
faltigere Gegensätze von Licht und Schatten ins
Bild. Dies und die reichen landschaftlichen Gründe
beweisen, wie wenig sich der Zug der Zeitkunst
zum Malerischen aufhalten ließ, besonders wenn
eben Maler die Feder führten.... So angesehen,
geben schon die Illustrationen der wohlgemut
und Pleydenwurff zu viel. Aber sie entfernen sich
auch noch nach einer anderen Seite schon um einen
Schritt von der Mittellinie feinfühliger Illustration.

Mit ihren durchgeführten Kreuzschraffierungen ar-
beiten sie energisch auf Tonwirkung hin. Nun ist
offenbar, daß die klare Bestimmtheit der Type,
die nur Linien und Punkte, ein ausgesprochenes
Flächenrnuster zeigt, unmittelbar neben sich nur
ein Strichbild, nicht ein Tonbild verträgt. Ausge-
sprochen modellierter und malerischer Lharakter,
ein großer Reichtum an feinen, zarten Übergängen
stört also die Einheit des Flächencharakters der
Buchseite. Bei kleineren Illustrationen kann diese
störende Wirkung bis zu einem sehr hohen Grade
ausgeglichen werden, nicht aber wenn große Bilder,
womöglich ganzseitige, in den Text treten. Über
den künstlerischen wert solcher Illustrationen an
sich ist damit nichts ausgesagt. Aber es leuchtet
ein, daß der einfache Linienstil das weit geeignetere,
das gegebene Ausdrucksmittel der Illustration ist.
Also auch im pinblick auf die einheitliche dekora-
tive Wirkung, die eine gute Illustration nun einmal
nicht außer acht lassen kann, muß gesagt sein, die
neue Entwicklung der Illustration — um die wende
des fünfzehnten Säkulums — barg Gefahren.
Denn es war nur zu wahrscheinlich, daß die Maler-
zeichner dem, was sie vor allem beschäftigte, überall,
also auch im Buche, Ausdruck geben würden."

(Fortsetzung folgt.)

Chronik -es Saperifchen Runstgewerbevereins

Dienstag, den Dezember, Dortrag des Herrn Pro-
fessor Or. Karl voll über „Altbelgische Malerei".
Während am Vortragsabend (3. November), wie schon be-
richtet, Herr Prof. Dr. Halm uns nach Belgien führte, um
uns Belgiens schöne Städte und Bauten, vor allem Rathäuser
und Kirchen zu zeigen, bot der Vortrag von Herrn Prof. Or. voll
gewissermaßen eine Ergänzung, indem wir nun die reichen
Kunstschätze im Innern dieser Bauten an Tafelmalereien
kennen lernten.

Altbelgische Malereien waren es, die Professor Or. Karl voll
in Mort und Bild vorführte, und zwar diesmal die eigentlichen
altbelgischen; nicht solche der großen Antwerpens» Epoche des
t7. Jahrhunderts, sondern Proben jener vielleicht noch groß-
artigeren Blüte 200 Jahre vor Rubens, Zeugen einer auf ihrem
Gebiet heute noch unerreichten Kunst. Und merkwürdig: ihre
Meister sind entweder geradezu deutsch, wie Hans Memling,
oder doch germanischer Abstammung, wie Rogier van der
weyden, und aus deutschen Gauen nach Belgien gekommen,
wie van Eyck; der vierte Klassiker, Dirck Bouts, ist ein Holländer.
So hat das alte Belgien seine Künstler eigentlich sämtlich im-
portiert. Um nur einzelnes aus der Fülle des Gebotenen
herauszugreifen, sei nur beispielsweise erinnert an jene niemals
wieder übertroffene Wahrheit in der Darstellung des Nackten,
die auf dem Genter Altar der Körper des Adam aufweist,
oder an die überraschende Lebendigkeit, mit der der Stifter des
Kunstwerks, der damalige Bürgermeister von Gent, porträtiert
ist. Dann die „Kreuzabnahme" in Löwen, die berühmteste
vor Rubens, mit dem wundervollen Zug der Linien am Leibe
Ehristi; oder das „Gottesurteil" mit seiner Mischung von goti-

scher Unbeholfenheit und unerfreulichen Steifheit einerseits
und dann wieder von seltsamer Beredsamkeit (besonders in den
Händen) und einer ganz außerordentlichen (Qualität der Farbe.
Nicht zu vergessen endlich die Grazie und beinahe weltliche
Liebenswürdigkeit von Hans Memling, der in seinem popu-
lärsten Werk, dem großen hölzernen Reliquiar im Johannes-
spital in Brügge, die Ursula-Legende wie eine Novelle genre-
mäßig-charmant erzählt.

Die an die hervorragend schöne Bilderserie angeknüpften ge-
dankenreichen Ausführungen des Herrn Vortragenden lohnte
warmer Beifall.

Dienstag, den s. Dezember, Vortrag des Herrn
Or. Georg Jakob Wolf „Eindrücke von der Deutschen
Werkbund-Ausstellung in Köln lautete das Thema

unseres 4. vortragsabendes, dessen Ausführungen sowohl
von seiten der Mitglieder als auch von allen am kunstgewerb-
lichen Leben interessierten Kreisen mit gespanntem Interesse
entgegengesehen wurde. Trotz des halben Münchener Feier-
tages war der Besuch ausgezeichnet.

Or. G. I. Wolf gab einleitend zur Begründung des kritischen
Lharakters seiner Ausführungen der Ansicht Ausdruck, daß auch
in der gegenwärtigen Zeitlage in künstlerischen Dingen Unter-
drückung der Polemik Weichlichkeit bedeuten würde, und daß
Unausgesprochenes heute nicht minder schädlich sei wie zu
anderen Zeiten, zumal es zur Erörterung einer Angelegenheit,
wie es die Merkbund-Ausstellung ist, nach dem Kriege leicht zu
spät wäre und neben der künstlerisch-kulturellen auch ihre große
wirtschaftliche Bedeutung nicht von der Hand zu weisen ist.
Überdies möge die dem Kunstgewerbe aufgezwungene Muße

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