Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

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Daß trotz der Knappheit des tektonischen Motiv-
schatzes in der Detailgliederung eine reiche Phan-
tasie spielt, kann die nachstehende Bilderfolge anr
besten zeigen. Die Abwandlung desselben Zylinder-
rnotivs für den Aufsatz ist jedesmal wieder anders
gelöst. Bald begegnen wir geschweiften Anläufen
(Fig. 3), bald profilierten Verbindungsgesimsen
(Fig. 7). Die Vorliebe des Empire für starke
Absätze in den verbindnngsgelenken bildet den
Übergang vom Untersatz zum Aufbau in reicher
Variation vom kleinen Gesims bis zum selbstän-
digen Sockel aus. So zeigt Fig. ^3 den einfachen
Gefimszwifchensatz, der häufig zu noch größeren
Dimensionen anschwillt, und sich bei Fig. (8 zum
selbständigen Zwischensockel entwickelt. Das Ver-
hältnis zwischen den Proportionen des Unterbaues
und Aufsatzes spricht sich im allgemeinen zugunsten
des größeren Unterbaues aus im Gegensatz zum
Rokokoofen, bei dem meist der Aufsatz das beherr-
schende Stück ist. Besonders originell wirken Lö-
sungen wie bei Kg. \2, J.3, wo der Aufbau den
Säulencharakter aufgibt und entweder schon ganz
die Vasenform der Bekrönung vorbildet (Kg. (2)
oder in Anlehnung an den älteren Rokokoofen den
Aufsatz als selbständigen, bewegt silhouettierten
Körper gestaltet (Kg. (3).

Der Fuß des Empireofens begnügt sich, der zier-
lichen Leichtigkeit des ganzen Körpers entsprechend,
meistens mit Lisengestellen. Der solidere Ton- oder
Steinsockelkommt bedeutendseltener vor (Kg. t u.t2),
gibt aber dem Ganzen, wenigstens in tektonischer
Hinsicht, einen weit monumentaleren Lharakter.
Zn der keramischen Industrie des (g. Jahrhunderts
ist der Lmpireofen einflußreicher geblieben als
andere Stilgattungen. Abgesehen von dem Fort-
leben der Handwerkstradition, die sich nament-
lich hinsichtlich der Glasnrfarben bis in die siebziger
Jahre erhalten hat und eigentlich erst durch die
Wiederbelebung der deutschen Renaissance ver-
drängt wurde, hat der Empireofen namentlich als
Vorbild in der Eisengießerei ein zähes Leben be-
hauptet. Der Umschwung, der in den achtziger
Jahren zugunsten der großen Kachelöfen erfolgte,
schien allerdings mit dem Empire auch hier wie
in anderen Gebieten ein Ende machen zu wollen;
doch hat man sich neuerdings mit Recht wieder
gerade mit dieser, auch der Vornehmheit eines
einfachen Ulotivfchatzes aufgebauten Stilrichtung
befreundet. Und jetzt mehr als früher bedarf die
auflebende keramische Industrie, die ohnehin auf
dem Gebiete der Beheizungsanlagen stark einge-
büßt hat, sicherer und guter Vorbilder.

Internationale Ausstellung für Suchgewerbe und Graphik
in Leipzig

Von Stephan Steinlein, München

^kuch im allgemeinsten Sinne nur solche grund-
elementare Fakten und Zusammenhänge aufgezeigt
zu haben, wie sie in der Grundausstellung versucht
wurden, bleibt ein nicht hoch genug zu schätzendes
Verdienst dieser als Ganzes leider wieder auf-
Selösten Ausstellung.

Roch vor bem Druck dieses Heftes ist durch die
Presse berichtet worden, daß die vorgeschichtliche
gHk völkerkundliche Abteilung der Kulturhalle vonr
Gziger Museum für Völkerkunde übernommen
in^^' Un^ ^amprechts Grundausstellung wird
em Leipziger Institut für Universalgeschichte
^ künftighin zugänglich bleiben,
d . CJ; 6 6S nun auch viel zu kühn erscheinen, von
er ntwicklung der Kindheit ausgehend, den Stoff
er Vorgeschichte und Völkerkunde aufzuarbeiten,
kur die Kunstgeschichte verspricht diese Idee weit
üefgreifende Förderung; für die Probleme der
1 ildung^ aber birgt sich darin geradezu eine
eminent fruchtbare Hypothese.

Hermann Usener schrieb ^90$ im VII. Band des
Archivs für Religionswissenschaft: „Die Schwierig-
keit, der unsere versuche begegnen, ältere Religions-
gebilde zu verstehen und vor unserem Auge wieder
entstehen zu lassen, beruht im letzten Grunde
darin, daß unser Bewußtsein nicht über Erfah-
rungen ähnlicher Art verfügt, an denen
uns der Hergang deutlich werden könnte.
Die Geschichte ist damit beschäftigt, was Menschen
gedacht und gesagt, gewollt und getan haben,
wieder zu verstehen. Sie vermag das aber nur
in dem Maße, als die Erfahrung ähnlicher
Empfindungen und Gedanken in unserem
Bewußtsein lebendig ist. Solange uns nun
in diesem nichts Analoges entgegentritt, bleibt
unser Verhältnis zu den Tatsachen ein äußer-
liches, d. h. verständnisloses. Die Fort-
schritte, welche das Verständnis der römischen
Geschichte von Montesquieu bis Mommsen ge-
macht hat, sind bedingt durch die politische und

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