Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

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in Berlin, Wien, in Dresden, Stuttgart, Nürn-
berg, Darmstadt, ein besonnenes wiederanknüpfen
an lokale Traditionen und damit das Anbahnen
an eine volkstümliche Kunstweise. Auf der Straße,
auf öffentlichen Plätzen macht sich ein erfreuliches
Regen aller plastischen Kräfte bemerkbar, schöne
Brunnen, charaktervolle Denksäulen entstehen, Zn
den Gärten, auf den Friedhöfen blüht die Plastik
wieder auf. Die Kleinxlastik findet wieder viele
Freunde. Sammler und Kenner wenden Münzen
und Plaketten erhöhte Aufmerksamkeit zu. Neben
ausgezeichneten bekannten Namen gibt es noch
genug Stille im Lande, die im Festhalten an einer
lokalen Tradition auch in kleineren Städten und
Orten der guten Plastik den Boden bereiten.
Unendlich viel Gutes ist in Ateliers und Werk-
stätten verborgen. Line Fülle von Können, Talent
und gesammelter Kraft ist bereit, die Aufgaben,
die ihr von der Zeit gestellt werden, zu lösen. Sie
dürfen nur in die rechten Hände gelegt werden.
Aber dieser innerlich gefestigten, der Form in einem
bereits hohen Grade mächtigen Kunst drohen nicht
innere, sondern äußere Feinde und Schädlinge,
wie schon einmal in den Jahren nach (870, ver-
sucht allzeit bereite Unternehmungslust, smarter
Geschäftsgeist und eine ebenso skrupel- als geschmack-
lose Kunstindustrie sich der Denkmäler zu bemäch-
tigen. wer der Sache die ihr gebührende Auf-
merksamkeit schenkt, kann die Schritte des Ver-
suchers hinter der Kunst her hören. Zn den Blättern
erscheinen bereits Aufrufe zur Sammlung von

Kriegerdenkmälern, spekulative Köpfe, wie der
Berliner „Denkmal-Meyer" nach den siebziger
Zähren war, machen wieder von sich reden, Ge-
schäfte für patriotische Plastik tun sich auf, Fabriken
für Vereins- und Denkmünzen prägen schon viel-
fachen Schund aus. Auch das Geschäft ist bereits
auf der ganzen Linie im Gange, welcher Miß-
brauch mit ehrwürdigen Symbolen getrieben wird,
zeigt das Einschreiten der Berliner Polizei gegen
das Tragen von Attrappen des Eisernen Kreuzes
bei Zivilisten und Kindern, hilfsbereiter Ge-
schäftsgeist benutzt auch die pietätvollen Gefühle
zur Anpreisung von Familienandenken Gefallener
u. a., wobei die Pfuscherei in Plastik und Kunst-
gewerbe sich jeder Aufgabe bemächtigt, wir
glauben nicht, daß diese Spekulation auf die Gleich-
gültigkeit und Unerfahrenheit des Publikums in
Kunstsachen überall verfängt. So gleichgültig ist
das Publikum nicht. Ls wird vielmehr mit uns
einer Meinung sein, daß in Anbetracht der gebrach-
ten Blutopfer und der Größe des Opfermutes
das Allerbeste gerade gut genug ist. wir glauben
auch nicht, daß es im Sinne der Auftraggeber
liegt, mit einer geradezu unanständigen geschäft-
lichen hast sich dieser Ehrenpflichten zu erledigen.
(Aus „Die Plastik", Zeitschrift für die gesamte Bild-
hauerei und Bildnerei sowie ihre Beziehungen zu
Architektur und Kunstgewerbe.)

U)ir drucken diesen Artikel aus der Plastik ab, weil im großen
Ganzen auch dasselbe fürs Kunstgewerbe gilt und weil dem
Kunstgewerbe durch das Vorgehen der Kunstindustrie dieselben
Gefahren drohen. D. R.

Internationale Ausstellung für Suchgewerbe und Graphik

in Leipzig

von Stephan Steinlein, München

VI.

Blüte und verfall der Buchillustration sind seit
der Erfindung des Buchdrucks unmittelbar mit dem
Holzschnitt und seiner Entwicklung verknüpft. Um
die Mitte des sechzehnten Zahrhunderts schon ist
das Schicksal des Holzschnitts, den vorher Meister
pflegten, so gut wie entschieden. Die älteste Buch-
illustration vor der Erfindung Gutenbergs, die
reichentfaltete Buchmalerei, hatte vor der Zeit des
Letterndrucks schon einen Vorläufer, dessen Stil
für den Holzschnitt, seine herbe zeichnerische Aus-
drucksform bestimmend wurde; es war dies die
einfache Zeichnung mit der Feder. Schon im vier-
zehnten Zahrhundert gab es außer den Kloster-
insassen, die Bücher schrieben und mit Miniaturen
schmückten, berufsmäßige Laienschreiber. An Orten,

wo ihre Erzeugnisse Absatz fanden, so in Prag,
der altberühmten Universitätsstadt, in Wien und
an anderen Plätzen waren „Schulen" oder Werk-
stätten. Statt des teuren Pergaments schrieb man
auf Papier, das um die Mitte des zwölften Zahr-
hunderts zuerst in Ztalien bekannt ward und welches
man seit dem Ende des dreizehnten Säkulums dort
in bester Art zu machen verstand. Seit Anfang des
fünfzehnten Zahrhunderts suchte der neue Stoff
auch in Deutschland sich gegen das teure Pergament
durchzusetzen. Schon im Zahre t408 verkaufte
ein Schreiber, Peter von haselo, dauernd seine
Bücher am Haupteingang des Straßburger Mün-
sters. Zn der kleinen Reichsstadt Hagenau ist etwa
H25—der Schreiber Diepolt Lauber, wohn-
haft „auf der Burg", nachweisbar, der zeitweilig

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