Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

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Formen des Elementes „Kohlenstoff", nämlich den
Diamant, den Graphit und die Kohle, ohne daß
zwei dieser Zustandsformen die Tendenz zeigen,
zugunsten der dritten zu verschwinden.

Die Änderung der Zustandsform fester Stoffe
ohne weitere chemische Veränderung ist eine viel
häufigere Erscheinung als bekannt und gewöhnlich
beachtet wird. Zunächst find selbstverständlich die
Vorgänge bekannt geworden, die auffallend, z. B.
durch Farbenänderung, in die Erscheinung treten;
aber auch für manche farblose Salze, z. B. Ammo-
niumnitrat, Natriumazetat u. a., sind derartige Zu-
standsänderungen bekannt und untersucht worden,
bei denen, abgesehen vom Lnergieinhalt, bei einer
gewissen Temperatur nur die Kristallform ver-
ändert wird.

Nun einige Beispiele von mehrformigen, zu-
sammengesetzten Stoffen, sog. chemischen
Verbindungen. Es sind zwei Formen des ans
einem Atom «Quecksilber und zwei Atomen Jod
bestehenden «Vuecksilberjodids (HgJ2) bekannt. Line
rote, die tetragonal ist, und eine gelbe, rhombische,
wird das rote «Vuecksilberjodid erwärmt, so ver-
wandelt es sich bei Überschreitung des Umwand-
lungspunktes in die gelbe Modifikation, wird die
gelbe Zustandsform abgekühlt, so erfolgt Rückbil-
dung der roten Form.

«Ouecksilberjodid rot ^ «Duecksilberjodid gelb.

Der Umwandlungspunkt liegt prompt bei ^26° C.
«Oberhalb wandelt sich das rote Jodid in die gelbe
Form, unterhalb dieser Temperatur umgekehrt die
gelbe Zustandssorm in die rote um. Auch hier
findet man die llberschreitungserscheinung, den
metastabilen Zustand. Denn kühlt man das in
einem Reagenzglas geschmolzene und erstarrte
gelbe Tuecksilberjodid vorsichtig unter {26° C ab,
und zwar unter Ausschluß von Kriställchen der
roten Modifikation, so bleibt die gelbe Modifika-
tion auch unterhalb \26° C bestehen, jedoch im meta-
stabilen Zustand. Zusatz einer Spur der roten
Form oder Ritzen mit einem Glasstab ruft die
sichtbare allmähliche Umwandlung in die rote
Form hervor.

Dieses schöne und mühelos leicht anzustel-
lende Experiment ist so instruktiv für die

Begriffsbildung der so wichtigen Zustands-
änderungen ohne weitere stoffliche oder
chemische Veränderung, daß es bei Ein-
führungen in die Malmaterialkunde vor
allem vorgeführt werden solle.

Übrigens wird das gelbe (lZuecksilberjodid, das man
erhält, wenn die farblose, alkoholische Lösung des
roten Jodids in Wasser gegossen wird, schon durch
Belichtung in die rote Modifikation übergeführt. Es
ist das auch ein instruktives Beispiel dafür, wie
das Licht derartige Zustandsänderungen, also die
Überführung polymorpher Stoffe ineinander, be-
wirken kann. Ich komme später hierauf nochmals
zurück. Ein weiteres leicht auszuführendes Experi-
ment als Beispiel eines Stoffes, dessen beide Modi-
fikationen beim Passieren des Umwandlungspunktes
schnell ineinander übergehen, während das bei vielen
anderen Stoffen langsam erst im Laufe der Zeit
geschieht, läßt sich wie folgt ausführen mit dem
Doppelsalz Kupferjodür-Vuecksilberjodid. Dieses
Salz stellt einen roten Stoff dar. Am besten ver-
reibt man diesen Stoff mit etwas Gummilösung
und bestreicht damit Papier. Nach dem Trocknen
an der Luft tritt schon bei schwachem Erwärmen
braunschwarzer Farbenumschlag ein; beim Erkalten
schneller Rückgang in Rot. Ähnlich verhält sich das
CZuecksilber-Silberjodid, dessen gelbe Zustandsform
beim Erwärmen auf ca. 40° L in die orangegelbe
Form übergeht, beim Erkalten blitzschnell in den
gelben Zustand zurückkehrt.

Bei allen Modifikations- oder Zustandsände-
rungen, die ein Stoff erfährt, ändern sich auch
seine physikalischen Eigenschaften, zumeist auch,
was für den Maler im Vordergrund seines Inter-
esses steht, seine Farbe. Letztere steht ja in einem
engen Zusammenhang mit der inneren Struktur,
dem atomistischen und molekularen Aufbau der
Stoffe, hierüber liefert die moderne Photochemie
bemerkenswerte Aufschlüsse, über die ich mich hier
nicht näher verbreiten kann, wenn also eine Zu-
standsänderung eines Stoffes meist, aber nicht im-
mer in einer Farbenänderung sich äußert, so ist
umgekehrt eine Farbenwandlung stets durch eine
Zustandsänderung bedingt.

(Fortsetzung folgt.)

Kommerzienrat Reinhol- Rirsch, Kunstschlosser

f 14. August 1915

was Eingeweihte schon seit längerer Zeit als
unabwendbar angesehen haben, der Tod eines der
bewährtesten Vorkämpfer im Münchener Kunst-
gewerbe, ist zur Tatsache geworden. In einer Zeit,

da Denken und Empfinden aller auf das Wohl und
wehe des Vaterlandes gerichtet sind, in der so
mancher Aufstrebende sein junges Leben für feine
Volksgenossen opfert, da findet der Eingang eines

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