Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

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Ls gibt Stoffe, welche, wenn sie selbst in äußerst
geringer Menge einem reaktionsfähigen Systeme
zugefügt werden, die mögliche Reaktion äußerst
beschleunigen. Diese Stoffe, welche man „Kataly-
satoren" oder Reaktionsbeschleuniger nennt,
spielen in der ganzen Natur, in der Technik, in der
Malerei eine große Rolle; so können oft kleinste
Verunreinigungen mit derartigen Stoffen einen
unter gewöhnlichen Umständen praktisch unver-
änderlichen Stoff veränderlich machen; derartige
Stoffe z. B. den trocknenden Hlen zugefetzt, z. B.
Metalloxyde, beschleunigen den Trockenprozeß;
hiervon macht man ja seit langer Zeit bei der
Herstellung von Ölfirnissen Gebrauch, was die
Wirkung derartiger Stoffe auf den zeitlichen Ver-
lauf chemischer Vorgänge betrifft, so kann man sich
vorstellen, daß durch dieselben auf eine unserer
Erkenntnis bisher verschlossene weise Hemmungen
oder passive widerstände, also solche, welche sich
einer Bewegung widerfetzen, beseitigt werden,

welche sonst Jahrtausende bestehen bleiben und eine
Reaktion hindern können. Ls ist hier wie z. B. bei
einem aufgezogenen, aber am Ablauf durch eine
Lfemmungsvorrichtung gehinderten Uhrwerk; dieses
wird unverändert bestehen und erst entweder nach
einer im Laufe der Zeit eintretenden Schwächung
der Hemmung (z. B. Veränderung der hemmenden
Stahlfeder) oder bei plötzlicher Beseitigung des
Widerstandes langsam oder schnell zum Ablauf, zur
Reaktion kommen. Der Umstand, daß in vielen
chemischen Systemen die Reaktionsgeschwindigkeit
unter gewissen Umständen außerordentlich klein ist,
ist, wie wir später bei den Zustandsänderungen
noch ausführlich sehen werden, von Bedeutung für
die Existenz vieler Stoffe. Nach dem zweiten
Hauptsatz strebt jedes System demjenigen Zustande
zu, in dem feine freie Energie (feine freie Arbeits-
fähigkeit, also diejenige, welche die freiwillig ver-
lausenden Vorgänge veranlaßt) ein Minimum ist.

(Fortsetzung folgt.)

Chronik öes Saperifchen Runstgewerbevereins

Dienstag, den 9. März sprach Herr Professor Dr. PH. ITT. Halm
über: „Bayerns Anteil an deutscher Kunst". Der Vortragende
wies gleich in der Einleitung zu seinem Thema darauf hin,
daß gerade die schwere Not der Zeit die guten Keime, die in
unserem Volke schlummerten, geweckt, aber auch unsere Schwä-
chen und Sünden enthüllt und darunter die größte, die Aus-
länderei, mit der wir geradezu oft verrat an ehrlichem deut-
schen Wesen geübt haben. Aber wir sehen unsere Fehler und
Schwächen ein, wir besinnen uns wieder auf unser Deutschtum
und wir wollen hoffen und wünschen, daß es nicht nur ein
raschaufloderndes Strohfeuer bleibe, sondern daß es ein still
und stetig geschürtes, Wärme und Leben spendendes Feuer
auf dem Altar des Vaterlandes fei, in dem deutsches Wesen
und deutsche Kunst sich kläre und erstarke, wer deutsche Lande
auf und ab gewandert sei, weiß, wieviel des Schönen und Frucht-
baren jede heimische Scholle in sich birgt — besonders auch unser
Bayern, das, von Bayern, von Franken, von Schwaben, von
Stämmen verschiedenerGesinnung und Gesittung bewohnt, land-
schaftliche und klimatische Gegensätze bietet und schon deshalb
eine reiche Vielgestaltigkeit kultureller und künstlerischer Aus-
drucksformen aufweist.

Der Vortragende gab nun an der Hand einer reichen, sorgfältig
ausgewählten Bilderfolge, in denen Hanptmomente künst-
lerischer Entwicklung und künstlerischer Höhepunkte dargestellt
waren, einen geschichtlichen Überblick über Bayerns Kunst-
schätze. Er zeigte einige frühe Funde der Völkerwanderungs-
zeit: die wittislingerfibel, dann den berühmten Thassilokelch im
Stift Kremsmünster, das bedeutendste Denkmal germanischer
Kunstrichtung. Ls folgten älteste christliche Urkunden auf
bayerischem Boden, Handschriften aus St. Emmeran in Regens-
burg; älteste christliche Malereien, die in ihrer Art schon die
Grundzüge späterer bayerischer Kunst aufweisen.

Regensburgs künstlerische und wissenschaftliche Bedeutung
unter Abt Ramwold von St. Emmeran mit seinen überragenden,
geistig hochstehenden Akten und Bischöfen, die als Stützen

und Berater des Thrones auch zu Trägern einer höheren wirt-
schaftlichen Kultur berufen waren, ließ der Vortragende im
hellsten Lichte geschichtlicher Erkenntnis erscheinen.

Aber nicht nur Regensburg, das man ein zweites Athen nannte,
sondern auch Niederaltaich, Ebersberg, Benediktbeuern und
Tegernsee, waren als Pflanzstätten geistiger und künstlerischer
Kultur hochbedeutsam und berühmt. Auf die Entwicklung der
bildenden Kunst gewann besonderen Einfluß die Hirsauer
Kongregation. Auch hier steht Regensburg wieder an erster
Stelle mit der bischöflichen Palastkapelle St. Stephan, der
erste größere Gewölbebau in Bayern; die elegante, würdige
Allerheiligenkapelle, die Jakobs- oder Schottenkirche, deren
architektonische Details auf den Einfluß normanifch-englischer
Baukunst, vermittelt durch schottische Bauleute, Hinweisen.
In der Diözese Regensburg prägt sich der Einfluß der Hirsauer
Kongregation auf die Kirchenbaukunst weiterhin aus in der
Klosterkirche zu Prüfening, in der Kirche zu Kastel in der Vber-
pfalz, in der Klosterkirche zu Walterbach. Von romanischen
Bauten im Freisinger Sprengel ist der Freisinger Dom, die
Kirchen in Moosburg, Isen, Illmünster zu nennen; von Bauten
der Ausgburger Diözese: Steingaden, St. Michael in Alten-
stadt; von der Salzburger Diözese dann St. Zeno in Reichen-
hall und Berchtesgaden.

Der Hauptzeuge für die fränkische Blütezeit bleibt Bamberg,
das im zuZahrh. Regensburgs Vorrangstellung ablöst. In
der bayerischen Pfalz zeigt der Dom in Speier klunyazenfifchen
Einfluß; Zisterzienserbauten sind die Kirchen von Dttersberg
und Enkenbach.

Während nun die rheinischen Bauten größeren Reichtum und
Mannigfaltigkeit der Motive und Zierformen aufweisen, er-
scheinen die altbayerischen Bauten schlicht, bescheiden,''fast derb.
Aber der neckische Humor, das Spiel der Phantasie und eine
rätselhafte Phantastik treibt wie im Kopfe,^namentlich^unserer
Alpenländler, so auch an Portalgewänden, Kapitellen und Krag-
steinen ein munteres Spiel, hinter dem sich nicht selten auch ein

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