Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

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was soll -er Künstler, -er Maler, von -er Chemie wissen!

Eine Einleitung zur Malmaterialkunüe von Georg Suchner, chemisch-technisches Untersuchungs-
laboratorium München

Deshalb müßte die größte Menge der uns bekannten
Stoffe, besonders der sog. organischen, d. h. der
Kohlenstoffverbindungen, von selbst zerfallen. Trotz-
dem ist eine große Anzahl derselben sehr beständig
und läßt keine Zersetzung erkennen, weil eben die
Zerfallsgeschwindigkeit so gering ist, daß ihre Wir-
kung erst nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden
erkennbar sein wird. Das ist der Grund für die
unzähligen Veränderungen (Verharzungen, Ver-
färbungen, Verkohlungen usw.) organischer Stoffe,
die, wie man sagt, von selbst mit der Zeit erfolgen,
welche aber durch äußere Einflüsse oft eine erstau-
nenswerte Beschleunigung ersahren. Instabil sind
z. B. bestimmte Stoffe oder Systeme von solchen,
welche Entflammungen oder Explosionen geben, so
z. B. das alte aus einem mechanischen Gemisch aus
Kohle, Salpeter und Schwefel bestehende Schieß-
pulver. Pier ist unter normalen Verhältnissen die
Reaktionsgeschwindigkeit so gering, daß eine che-
mische Reaktion nicht nachweisbar ist. wird aber
die Temperatur erhöht, dann wird auch die Reak-
tionsgeschwindigkeit erhöht; da die ablansende Re-
aktion mit Wärmeentwicklung verbunden ist, so er-
folgt beim Fortschreiten der Reaktion eine weitere
Temperaturerhöhung, dadurch wiederum eine Er-
höhung der Reaktionsgeschwindigkeit; schließlich wird
die Reaktion, in unserem Falle die Entbindung des
Sauerstoffes aus dein Salpeter und die dadurch er-
folgende Oxydation der Kohle und des Schwefels,
so beschleunigt, daß Entflammung und Explosion
erfolgt. Es braucht also keineswegs zur Erzielung
einer derartigen Reaktion das ganze System auf
eine hohe Temperatur gebracht zu werden; es ge-
nügt eine lokale Erhitzung, und von diesem Punkte
(z. B. ein elektrischer Funke) aus schreitet die Re-
aktion in beschleunigtem Tempo fort. Man kann
die Reaktionsgeschwindigkeit betrachten als ab-
hängig von zwei Faktoren: der chemischen Kraft
und dem chemischen widerstand:

_ Chemische Kraft
Chemischer widerstand

ganz ähnlich dem Ohmschen Gesetze in der Elektri-
zitätslehre.

Uber die chemischen widerstände wissen wir wenig,
außer daß wir sie durch verschiedene Mittel, wie
vorher ausgeführt, beeinflussen insbesondere ver-
mindern können.

Die chemische Kraft entspricht nach dem zweiten
Hauptsatz der Abnahme der freien Energie (siehe
oben).

Bei den unter gewöhnlichen Bedingungen bestän-
digen, sog. stabilen Stoffen ist der chemische wider-
stand sehr groß.

Ich habe die Reaktionsgeschwindigkeit deshalb ver-
hältnismäßig ausführlicher behandelt, weil dieselbe
für das Verständnis alles stofflichen Geschehens,
aller stofflichen Veränderungen von großer Bedeu-
tung ist.

Zu den besonders wirksamen Reaktionsgeschwindig-
keitsbeschleunigern gehört außer der besprochenen
Temperaturerhöhung und gewissen Stoffen (Kata-
lysatoren) die strahlende Energie, das Licht.
Alle Erscheinungen, bei welchen eine physikalische
oder chemische Stoffverändernng durch die strah-
lende Energie bewirkt wird, gehören in das Ge-
biet der neuen bedeutungsvollen Wissenschaft der
Licht- oder Photochemie. Es handelt sich hier
um photochemische oder Lichtreaktionen. Das Licht
kann, ebenso die sichtbaren wie ganz besonders die
unsichtbaren, kurzwelligen, ultravioletten Strahlen,
den chemischen widerstand schwächen und so che-
mische Reaktionen vorbereiten und erleichtern, wir
sehen das z. B. sehr augenscheinlich bei der Wir-
kung von Eisensalzen auf die belichtete photogra-
phische Platte, für welches Reaktionsmittel die un-
belichtete Platte genügende widerstände besitzt.
Aber die Lichtwirkungen auf die Farbstoffe siehe
später.

II. Die Zustanösänöerungen

Für den Maler kommen vor allem die Zustands-
änderungen in Betracht, durch welche eine Än-
derung der Farbe oder auch eine solche des
molekularen Zusammenhanges bedingt wird,
pierbei ist es von Wichtigkeit zu unterscheiden zwi-
schen Zustandsänderungen, welche leicht rückgängig
gemacht werden können (reversible Zustands-
änderungen) und solchen, welche die Stoffe dau-
ernd verändern (irreversible Zustandsände-
ru ngen).

Zu den ersteren, den reversiblen Zustandsände-
rungen, gehören z. B. diejenigen, welche in der
Trennung des molekularen Zusammenhanges (Trü-
bung und Undurchsichtigwerden) eines parzüber-
zuges bestehen und welche nach pettenkofer leicht

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