Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

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©tto Rückert, Würzburg

Über neuere Dekorationsmalerei Georg Zuchs unö

Otto Rückert*)

von Stephan Steinlein, München

wer sich der Kämpfe um Stilerneuerung ans den
neunziger Jahren noch durch Miterleben oder mehr
noch durch tätigen Anteil zu erinnern vermag, oder
wer damals selbst noch kurze Jahre vorher, in den
Anschauungen und Auffassungen der älteren Ge-
neration formal und theoretisch erzogen und durch
beides beeinflußt und bestimmt, von Kunstschulen
gekommen war, stand, wenn auch nicht durchaus
befestigt, doch den ekstatischsten Neuerungsversuchen
mit einigem Rückhalt, ja nicht ohne jede Möglich-
keit kritischen Verstehenkönnens und zögernden
Verhaltens gegenüber.

Die ersten vielgestaltigen, turbulenten versuche
der naturalisierenden „Iugendstil"-j)eriode und
jene der zeitlich späteren „abstrakten" Richtungen
der Ornamentik, hatten anfangs kein anderes Ver-
suchsfeld als die graphischen Techniken im weite-
sten Umfang, einen beschränkteren Teil kleinkunst-
gewerblicher Sparten, die Dekorationsmalerei und
das Gebiet des Möbelbaues und später erst der
reicheren Innenarchitektur. Die damals in vollem
Widerpart zu allem „Historischen" geschaffene Orna-
mentik war anfänglich genötigt, sich ausschließlich
in und an den verschiedenartigsten Erzeugnissen
gewerblicher Kleinkunst ihre neuen Formelemente
und Ausdrucksmittel zu schaffen. Später, nachdem
Stilprogrammatisches da und dort festzustehen schien,
öffneten sich den expansivsten Neuerungstrieben
die ersten Möglichkeiten, sich an architektonischen
Gestaltungen zu erproben und ihre neugewonnenen
ornamentalen Formen damit zu verschmelzen.

Das erste Auftreten der Darmstädter „Sieben",
ihre Häuserbauten auf der Mathildenhöhe, jenes

*) vergleiche: Über neuere Dekorationsmalerei, von Stephan
Steinlein in Kunst und Handwerk, 6$. )ahrg. Heft 5,

S. n? ff-, und 62. Zahrg. miA2» Heft ,, S. \ ff.: Julius
IHöffel, von St. Steinlein.

jugendlich zuversichtlich angekündigte „Dokument
des Jahrhunderts", rief gleicherweise bewundernde
Zustimmung wie heftigsten Widerspruch ins Leben.
Mit unwiderlegbaren Gründeil bezeichnete und
verurteilte man den größten Teil der architek-
tonischen Schmuckformen jener Tage als ver-
größerten Buchschmuck und plakatstil, der den tek-
tonischen Formen anarchisch, irregulär, unorganisch
und willkürlich verbunden, eigentlich nur äußerlich
anfgenötigt worden war.

Selbst allen für das Revolutionäre der Bewegung
voreingenommensten aber enthüllte der bis ins
Extrem gesteigerte versuch des „Hauses in Rosen",
an dem außen und innen die Rose als „Motiv"
für alle Materialien und Techniken „stilisiert" und
formal, vermeintlich durch die Art und Verarbeitung
der jeweiligen Werkstoffe abgewandelt, wieder-
kehrte, die armselige Plattheit des kaum äußerlich
zureichend gebändigten lendenlahmen Naturalis-
mus, die Undenkbarkeit, ja völlige Unmöglichkeit,
auf solchen Bahnen überhaupt jemals weiterzu-
kommen. Der totale Ideenmangel des ödesten,
sterilsten Naturalismus hat sich wohl kaum irgendwo
sonst noch so monumental als im Tiefsten formlos
manifestiert, als in jenem stilprogrammatischen
„Haus in Rosen" des Hamburger Kleinbürgers
Hans Lhriftiansen.

Indes auch die geometrisierende, oft sehr geistreich
und erfinderisch abgewandelte Ornamentik Ol-
brichs erwies sich schon von ihren ersten Anfängen
her und dauernd in seinen Darmstädter Arbeiten
als ein dem ornamentalen Wesen und manch ge-
schmackvoller Wirkung wohl nicht widersprechendes;
aber nur mit raffiniertester Überlegung angewendet,
erwies sie sich als ein erträgliches Kunstmittel, dem
sich zusehends indes doch nur immer fragwürdigere
Wirkungen kaum noch abzwingen ließen, je größere

Aunst und Handwerk. 65. Iahrg. Heft 7.

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