Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

Page: 108
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auf heute erworbenen und noch weniger von heute
bis morgen zu erraffenden Fähigkeiten und Fertig-
keiten wirklicher Besitz ist. was uns davon un-
mittelbar gegeben ist, damit allein ist wirtschaftlich
zu rechnen. Und hierin versagen abermals alle
Analogien von heute zu \870. Der Friedensschluß
nach diesem Kriege findet uns in durchaus ver-
änderter Lage gegen jenen von damals. Fast ein

halbes Jahrhundert entschiedener Tätigkeit, ge-
reiften Könnens ist seitdem vergangen, wenn
unsere Diplomatie — wie manche fürchten — nicht
verdirbt, was das Schwert errungen haben wird,
dann dürften wir allerdings vor tüchtigen Stunden
stehen. Bereit zu sein für ihrer würdige „Gewcrbe-
politik" und nicht versagen auch darin, das sei
Losung wie Hoffnung.

Silhouette von Lugen Julius Schmid

was soll -er Künstler, -er Maler, von -er Chemie wissen?

Eine Einleitung zur Malmaterialkun-e von Georg Suchner, chemisch-technisches Untersuchungs-
laboratorium München

Diese Frage ist schon des öfteren an mich gerichtet
worden, wie überhaupt alle weit gestellten Fragen,
ohne sie in Teilfragen aufzulösen, schwer und auch
nur wieder allgemein zu beantworten sind, so geht
es auch mit dieser Frage bzw. Antwort. Mit nach-
stehenden Ausführungen möchte ich versuchen, zur
Lösung dieser Frage einen Beitrag zu liefern.

Ls kann dabei nicht meine Absicht sein, hier dem
Künstler spezielle chemische Kenntnisse oder solche
über sein Material oder die Farbenkunde zu ver-
mitteln; ich möchte aber die Richtung zeigen, welche
meiner Ansicht nach geeignet ist, den Künstlern all-
gemeine Vorstellungen über die Lhemie der Far-
ben, deren Beschaffenheit und deren Veränderung
zu vermitteln.

was soll der Künstler — der Maler — von
der Lhemie wissen?

vor allem soll der Künstler lernen: „naturwissen-
schaftlich bzw. chemisch zu denken."

Der Künstler befindet sich zumeist in einer dem
naturwissenschaftlichen Denken entgegengesetzten
Gedankensphäre; deshalb soll er, was sein Material
betrifft, dahin geführt werden, dasselbe vom natur-
wissenschaftlichen Standpunkt zu betrachten, wenn
es auch gut und wünschenswert ist, daß der Künstler
über reichliche, spezielle chemische Kenntnisse ver-
fügt, so braucht dieses wissen doch nicht sehr um-
fangreich zu sein. Der Künstler kann doch kein
Chemiker sein, das geht nicht so leicht nebenbei.
Der Künstler soll sich vielmehr die großen, all-
gemeinen physikochemischen Begriffe zu
eigen machen, welche ihn befähigen, Klarheit
zu haben über den Zustand, den die farbigen Stoffe
besitzen müssen, um geeignete Malerfarben darzu-
stellen und Vorstellungen zu gewinnen über die
mannigfachen Möglichkeiten, welche den Zustand
dieser Stoffe zu verändern imstande sind. Denn diese
„Zustandsänderungen" bedingen auch eine An-

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