Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 3.1892

Page: 387
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zahlreichen Bildnissen und dekorativen Malereien,
sondern auch in seiner Einwirkung auf die in Berlin
neben ihm schaffenden Künstler, besonders auf seine
Freunde G. W. von Knobelsdorff und G. F. Schmidt,
den Kupferstecher beruht, bereits mehrere wertvolle
litterarische Arbeiten geliefert, die in der ,.Zeitschrift
für bildende Kunst", in dem „Jahrbuche der kgl.
preußischen Kunstsammlungen" und in der „Gazette
des Beaux-Arts" veröffentlicht worden sind. In
einem Aufsatze in der „Zeitschrift" (XXIII. S. 190 ff.)
hat er die Thätigkeit Pesnes, der im Frühjahr 1710
nach Berlin gekommen war, das er bis zu seinem
Tode nur verließ, um kurze Reisen nach Dresden;
Paris und London zu machen, während der Re-
gierung Friedrich Wilhelm I. (1713—1740) charak-
terisirt und dabei auch auf die während dieser Zeit
entstandenen Hauptwerke des Meisters, das Bildnis
des dreijährigen Kronprinzen Friedrich und seiner
älteren Schwester Wilhelmine von 1715 im Schlosse
zu Charlottenburg und das Gruppenbildnis des Künst-
lers mit seiner Gattin und zwei Kindern von 1718
im Neuen Palais bei Potsdam aufmerksam gemacht-
Beide Bilder sind auch die Glanzpunkte der gegen-
wärtigen Pesne-Ausstellung, die ihren Schöpfer schon in
fast völliger koloristischer Unabhängigkeit und in einer
Manierlosigkeit zeigen, die in der gleichzeitigen
Bildnismalerei nicht häufig anzutreffen ist. In-
zwischen hat Seidel ermittelt, dass Pesne seinem
Familienporträt die Zulassung zur Bewerbung um
die Mitgliedschaft der Pariser Akademie verdankte,
die er 1720 erwarb. Unter der kargen, den bilden-
den Künsten wenig holden Regierung Friedrich Wil-
helm E war Pesne der einzige Maler, der sich der
dauernden Gunst des Königs und zahlreicher Auf-
träge erfreute. Aber eine eigentlich goldene Zeit
begann doch für ihn erst, als sich der Musenhof in
Rheinsberg bildete und der prinzliche Mäcen es nicht
verschmähte, an den Künstler eine wohlgefeilte
Epistel zu richten, deren sprachliche und metrische
Vorzüge selbst den Beifall Voltaires fanden. In
dieser Zeit und in den ersten, der Thronbesteigung
Friedrichs II. folgenden Jahren entstanden, soweit
das Material unserer Ausstellung in Betracht kommt,
die Bildnisse der Männer, die als Freunde Friedrichs
in engerem Sinne bezeichnet werden: Knobelsdorff,
Jordan, Graf Keyserling, de Chasot und de La Motte-
Fouque, Bilder, die gewöhnlich in den Wohn-
räumen Kaiser Wilhelms II. im Berliner Stadtschlosse
hängen, und das Porträt des jungen Königs in
Harnisch und hellblauem Sammetrock, das uns etwa
den Sieger von Hohenfriedberg veranschaulicht. In

diesem Bildnis und in einem jüngeren der Berliner
Gemäldegalerie hat uns Pesne den Typus des jugend-
lichen Friedrich überliefert. Den des gereiften, durch
das Schicksal gestählten Herrschers festzustellen, ist
Pesne nicht mehr vergönnt gewesen, da er im zweiten
Jahre des siebenjährigen Krieges starb.

ADOLF ROSENBERG.

DAS PROJEKT FÜR DEN BERLINER
DOM.

Nachdem wir in Nr. 18 der „Kunstchronik"
nach dem „Centraiblatt der Bau Verwaltung" eine
Beschreibung des neuen von Professor /. C. Easch-
dorff ausgearbeiteten Planes für den Berliner Dom,
dessen Ausführung nunmehr nach der Bewilligung
der ersten Baurate durch das preußische Abgeordne-
tenhaus endgültig beschlossen worden ist, mitgeteilt
haben, geben wir heute nach der den Abgeordneten
übermittelten Denkschrift eine Ansicht der dem
Lustgarten zugewendeten Hauptfront des neuen
Doms und seinen Grundriss. Der starke Zwiespalt
zwischen ihm und der Fassade, die eigentlich nur
ein glänzendes Dekorationsstück ohne organischen
Zusammenhang mit der Anordnung des Innern bil-
det, ist auf den ersten Blick so ersichtlich, dass es
für die Leser dieses Blattes keines ausdrücklichen
Hinweises bedarf. Aber es fehlt auch nicht an
schwer ins Gewicht fallenden Gründen, die uns die
augenfälligen Schwächen des Planes, dessen künst-
lerische Verantwortung Raschdorff zu tragen hat,
in einem milderen Lichte erscheinen lassen. Rasch-
dorffs künstlerische Individualität, deren Schwerpunkt
wohl auf einem anderen Gebiete als dem des
Kirchenbaues liegt, kommt dabei wenig oder gar
nicht in Frage. Das erste und auch entscheidende
Moment ist der überaus ungünstige Bauplatz, der im
Osten von der Spree begrenzt wird, nach dieser Seite
also seinen natürlichen Abschluss findet. Mehr nach
Westen durfte die Hauptfront aber nicht vorgerückt
werden, weil eine solche Maßregel gleichbedeutend
mit der Vernichtung des Lustgartens und der Zer-
störung des Gleichgewichts zwischen dem Schlüter-
schen Königsschloss, dem alten Museum Schinkels
und der Seitenansicht des Zeughauses gewesen wäre.
In der Zeit, wo wir diese Zeilen schreiben, sind zwar
ungeheuerliche Pläne aufgetaucht, die zur Gewinnung
eines Platzes für das Kaiser Wilhelmdenkmal und
einer freien Aussicht für die Bewohner des königli-
chen Schlosses nichts Geringeres als eine Beseitigung
I der Häuser an der Südostseite des Schlossplatzes,
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