Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 3.1892

Page: 563
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kaum glauben, dass so etwas nur möglich wäre!
Über Bedenken, Schinkelsche Bauten, hier Einbauten,
zu entfernen, ist man ja Gott sei Dank hinweg und
auch die Sorge um Unterbringung der Orgel kann
gar nicht ins Gewicht fallen gegen die Wichtigkeit
der Freilegung der westlichen Apsis. Der Blick
vom Hochaltar nach dem Westchor würde von ebenso
überwältigender Wirkung sein, wie in Mainz, zumal
auch die Treppenanlagen in ähnlicher Weise wie dort
auszugestalten wären. Selbstverständlich würde der
Westchor durchaus in den romanischen Formen auszu-
bauen sein, höchstens die Stuckarbeiten an der Decke zu
erhalten. Das Orgelwerk könnte ruhig in eines der
Seitenschiffe verlegt werden, wie es ja auch in Köln
ganz zweckmäßig im nördlichen Seitenschiffe plazirt ist.

Für die innere Ausstattung: Fußboden, Altäre,
Mobilien und Malereien wären durchaus der Stil des
12. Jahrhunderts durchzuführen: mustergültige Vor-
bilder sind ja genügend vorhanden.

Bei Restaurationen von Kirchen ist es ja leider
noch nicht fester Gebrauch, die Einbauten der spätem
Jahrhunderte erbarmungslos zu entfernen. Die Pietät
erfordert aber nun, möglichst alles, namentlich an
Altären zu erhalten, was vorhanden ist. Der Kunst-
wert der beiden herrlichen Rokoko-Marmoraltäre, denen
im vorigen Jahrhundert eine halbe Chorschranke hat
weichen müssen, ist ein so bedeutender, dass sie
unter allen Umständen konservirt werden müssen.
Sie würden am besten in den Seitenschiffen Platz
finden, wo sie selbst noch in Benutzung genommen
werden könnten.

Durch Ausbau des Doms zu Trier würde unser
Vaterland um ein großartiges Denkmal deutscher
Kunst bereichert werden. Es würde würdig stehen
neben den großen Kathedralen, denen ein günstiges
Geschick eine frühere Herstellung beschert hat.

Trier ist außer Aachen der letzte der großen
Dome, die an des heil, römischen Reiches Pfaffen-
straße und seinen Nebenflüssen prangen, welcher der
Wiedererstehung harrt. Konstanz, Basel, Freiburg,
Straßburg, Worms, Speyer, Ulm, Frankfurt, Metz, Köln,
Essen, Wesel und daneben die andern herrlichen
Kirchen der romanischen und gotischen Zeit, an denen
der Rheinstrom zwischen Koblenz und Neuß, vor
allem aber Köln so unvergleichlich reich ist: alle
sind in großartiger Weise wiederhergestellt. Und
was in andern Städten gelungen, wird auch in Trier
möglich sein, wenn ein wichtiges Moment in er-
wünschter und notwendiger Weise seine Erledigung
findet: die Beschaffung der Gelder.

Das Geldl das liebe Geld wird daher kommen,

woher es auch für die anderen Dome, wie der Kölner
sagt, gekommen ist, durch Betteln und Lotterien.
Zunächst steht dem Kapitel ein Betrag von 90000 M.
zur Verfügung, der dazu verwendet werden muss,
um einen Teil des Daches herzustellen: es regnet
nämlich buchstäblich zeitweise in den Dom hinein.
Erst nach Herstellung dieser im Interesse der Erhal-
tung des ganzen Gebäudes notwendigen Arbeiten kann
an den Umbau des Innern gegangen werden. Man
hat die Kosten der gesamten Umbauten, einschließ-
lich der Ausstattung mit Mobilien, aber ohne die
malerische Ausschmückung auf rund eine Million
Mark berechnet und hofft zur Beschaffung dieser
Summe die Bewilligung von fünf Lotterien, wozu alle
Aussicht vorhanden ist. Jedenfalls wird man, was
man Köln ein halbes Jahrhundert hindurch und an-
deren Kirchen wie Ulm, Freiburg, Wesel, Metz ge-
währt hat, dem ehrwürdigen Dom von Trier nicht ver-
sagen können.

Für die sachgemäße Wiederherstellung des
Domes ist in der besten Weise Sorge getragen, in-
dem Herr Baumeister Bürde im Auftrage des könig-
lichen Ministeriums die Restaurationspläne ausgear-
arbeitet hat und der jetzige Dombaumeister Wirtz,
der auch die an den Dom anstoßende Liebfrauen-
kirche zur Zeit restaurirte, für die in jeder Weise
befriedigende Ausführung volle Bürgschaft leistet.
Zudem ist in der jüngsten Zeit an die Stelle des
verstorbenen, um den Dom sehr verdienten Geheimen
Baurats Heldberg ein tüchtiger Kenner in der Per-
son des Regierungs- und Baurats Weyer nach Trier
berufen worden.

So hoffen wir denn den denkwürdigen Dom zu
Trier in Bälde als glorreiches Denkmal deutscher
Kunst in der Reihe der rheinischen Kirchen in altem
Glanz erstehen zu sehen. Möge ihm die Unterstützung
des ganzen deutschen Volkes dabei in reichem Maße
zu teil werden! A. P.

DIE AKADEMISCHE KUNSTAUSSTELLUNG
IN BERLIN.
IV.

Zum Abschluss unserer Berichte, die bei der
überwiegenden Fülle des braven Mittelguts und der
nach dem Grundsatze „Leben und leben lassen"
eingedrungenen Marktware sich nur auf die her-
vorragendsten Schöpfungen beschränken konnten,
werfen wir noch einen Blick auf einige Geschichts-
bilder, Genrestücke und Bildnisse, weil sie zum
Teil charakteristisch für die künstlerische Ent-
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