Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 3.1892

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HEEAUSGEBEK:

CARL VON LÜTZOW und ARTHUR PABST

WIEN KÖLN
Heugasse 58. Kaiser-Wilhelmsring 24.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. HL Jahrgang. 1891/92. Nr. 32. 18. August.

Während der Sommermonate Juli, August und September erscheint die Kunstchronik nur aller vier Wochen.

NEUE ERWERBUNGEN DER BERLINER
GEMÄLDEGALERIE.

Bei der Versteigerung derGalerie des verstorbenen
Earls of Dudley hat Dr. W. Bode nach heißem
Kampfe ein Altarbild des Venezianers Carlo OrivelK
(geb. um 1430—1440, thätig bis 1493) für den Preis
von 7000 Guineen erstanden, dessen ungewöhnliche
Höhe sich aus der Vorliebe der reichen Privatsammler
für die Schöpfungen des Quattrocento hinreichend
erklärt. Für die Berliner Galerie, deren Schwer-
punkt seit ihrer Begründung in den italienischen
Meistern des 15. Jahrhunderts liegt, ist mit dem
Ankaufe dieses Bildes eine Lücke ausgefüllt, da
Crivelli bisher nur mit einem noch unter dem Ein-
flüsse der Paduaner Schule entstandenen Bilde aus
seiner frühesten Zeit, einem Christus im Grabe zwi-
schen Maria und Johannes und den Heiligen Hiero-
nymus und Magdalena unter Rundbogen, vermutlich
der Predella eines Altargemäldes, und der Einzel-
figur einer heiligen Magdalena in prächtiger Ge-
wandung vertreten war. Letztere ist in dem leuch-
tenden, goldigen Kolorit und in der sorgsamen
Wiedergabe der gewebten und gestickten Stoffe und
alles übrigen Beiwerks mit dem neu erworbenen
Gemälde verwandt, das im übrigen aber eine höhere
Entwicklungsstufe des Meisters darstellt. Es ist
bisher in der Litteratur nur von Ricci (Memorie
storiche), Rosini und Crowe und Cavalcaselle (D. A.
V, S. 89) erwähnt, aber nicht nach seinem Werte
gewürdigt worden. Die nach Rosini ausgeführte
Abbildung bei Crowe und Cavalcaselle giebt nur
eine sehr dürftige, in den Einzelheiten auch unrich-
tige Vorstellung davon. Es befand sich ursprüng-
lich in der Kirche San Domenico zu Fermo in den
Marken, für die es im Auftrage einer Adelsfamilie

gemalt worden ist, deren Wappen rechts und links
von der Künstlerinschrift — in goldenen Buchstaben
auf einem blauen, mit Nägeln befestigten Bande:
Opus Caroli Crivelli Veneti — an der Vorderkante
des marmornen Sockels, auf dem die Figuren stehen,
mit Bändern befestigt sind. Da Crivelli seit 1490,
wo er in den Ritterstand erhoben worden war, seine
Bilder stets mit dem Zusatz „Miles" oder „Eques"
zeichnete, muss das Berliner Gemälde früher ent-
standen sein, etwa um 1485. Es zeigt seinen
Schöpfer auf der Höhe seiner Kraft, mit allen
seinen Vorzügen und Schwächen, von denen die
letzteren aber hinter der glänzenden Stoffmalerei
zurücktreten. Die Muster der reichen Gewänder,
mit denen die Madonna, der heil. Petrus und die
beiden Bischöfe bekleidet sind, und der Teppiche,
die den Hintergrund abschließen, sind so sorgfältig
in allen Einzelnheiten durchgeführt, dass das Bild
auch für die Geschichte der Textilkunst von großem
geschichtlichen und ästhetischen Interesse ist.

Die mit einer von Edelsteinen funkelnden
Krone als Himmelskönigin gekennzeichnete Madonna
sitzt auf einem Throne, dessen architektonisch gebil-
dete Rückseite in der Mitte durch einen aufgehängten
Teppich mit roten Arabesken auf weißem Grunde
verdeckt wird, so dass nur rechts und links die
einfassenden Pilaster mit ihren zierlichen Füllungen
im Stile der Frührenaissance und darüber die Ecken
des Gesimses, auf denen Engelsbübchen mit Spruch-
bändern hocken, und die entsprechenden Teile des
abschließenden Rundbogens sichtbar sind. Über
dem Haupte der Madonna zieht sich eine Frucht-
guirlande hin, von der nach links noch eine kleine
Gurke herabhängt. Diese Vorliebe für Früchte ist
für Crivelli charakteristisch. Auch auf dem Mar-
morfußboden vor der Madonna liegt ein mit großer
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