Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 4.1893

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine.

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSEN BERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Teltowerstrasse 17.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. IV. Jahrgang. 1892/93. Nr. 13. 26. Januar.

Die Kunstchronik erscheint, als Beihlatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
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der neue dürer im berliner museum.

Zu den drei Perlen Dtirerscher Kunst, die
"während des letzten Jahrzehnts in die Berliner
Galerie übergegangen sind, zu den Bildnissen Fried-
richs des Weisen, Jakob Muffels und Hieronymus
Holzschuhers, hat sich eine neue gesellt, eine
thronende Madonna mit dem Kinde in einer Land-
schaft, die Geheimrat Dr. Bode von dem Marquis
of Lothian in Schottland, wie man sagt, für 4000 Pfd.
erworben hat. Der Preis ist nicht zu hoch, wenn
man in Betracht zieht, dass dies das letzte, unzweifel-
haft echte Bild von Dürers Hand ist, das sich noch
im Privatbesitz befunden hatte, also noch für eine
öffentliche Sammlung erreichbar gewesen war, und
sehr begreiflich ist daher der Unmut der englischen
Zeitungen darüber, dass dieses Bild, wie so viele
vor ihm, wiederum außer Landes gegangen ist, dass
die Direktion der Londoner National Gallery nicht
zu rechter Zeit die Hand darauf gelegt hat. Es
giebt zwar noch zwei Dürer zugeschriebene Bilder
im Privatbesitz; aber sie sind zum mindesten ver-
dächtig, jedenfalls nicht hinreichend beglaubigt:
Das Bildnis von Dürers Vater im Besitze des Her-
zogs von Northumberland (Sion-House in London)
wird von Kennern als eine Kopie des Exemplars in
den Uffizien zu Florenz bezeichnet, und das kleine
Bild eines jungen Mädchens mit einer Katze am
Fenster beim Principe di Santangelo in Neapel hat
wenigstens von Thausing das Zeugnis erhalten, dass
es „nichts mit Dürer gemein" hat.

Es handelt sich bei dieser Erwerbung, die der
Wachsamkeit und der Thatkraf't ihres Urhebers

wiederum ein glänzendes Zeugnis ausstellt, nicht
bloß um eine Bereicherung der Berliner Galerie,
sondern auch um einen äußerst wichtigen Beitrag
zu dem gerade jetzt von der Kunstforschung viel er-
örterten Kapitel „Dürer in Venedig". Das Bild ist
bisher nur einmal — 1871 in der Londoner Royal
Academy — öffentlich ausgestellt gewesen und auch
nur einmal in der Kunstlitteratur, in Thausings
Dürerbiographie, mit wenigen Worten erwähnt
worden. Thausing hat das Bild nicht selbst gesehen.
Er spricht nur von einer „sitzenden Madonna von
1506, fast lebensgroß, von zwei schwebenden Engeln
gekrönt .... stark verrieben und übermalt, soll
aber die Spuren der Echtheit noch tragen." Er war
also durch seine Gewährsmänner nicht unterrichtet
worden, dass das Bild die Beglaubigung von Dürer
selbst an sich trägt. Auf einem links von der
Madonna stehenden niedrigen Tische oder Schemel,
dessen Platte in der Perspektive von der Unter-
kante des Rahmens liegt, ist nämlich ein Cartolino
mit der die bekannten Züge Dürers tragenden In-
schrift zu sehen: Albert(u)s Durer Germanus faciebat
post Virginis partum 1506, und daneben das Mono-
gramm. Nach dieser Inschrift, die zudem wie auf
der des „Rosenkranzfestes" inmitten der Wälschen stolz
den „Germanus" betont, kann das Bild also nicht zu
den „sechs Thefelle" gehört haben, die Dürer zum Ver-
kauf aus Nürnberg nach Venedig mitgebracht hatte.
Es ist in Venedig gemalt worden, freilich mit Hilfe
mitgebrachter Studien und Erinnerungen, mit Hilfe
von Figuren und architektonischem Beiwerk, die
Dürer schon auf früheren Bildern verwertet hatte.
Aber in der Gesamtkomposition und in der fröhlich
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