Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 4.1893

Seite: 251
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Wesens illustriren. Der Nachlass bekräftigt das
durch eine Reihe von Beispielen. Wenn man Müller
mit zwei berühmten französischen Orientmalern ver-
gleichen wollte, so könnte man sagen: er übertrifft
Geröme an farbigem Reiz und Fromentin an fleißiger
Durchbildung. In der ersteren Eigenschaft bewährt
er sich als Wiener, in der zweiten als Deutscher.

C. v. L.

WIENER KÜNSTLERHAUS.

Nach altgewohntem Brauche wurde zu An-
fang Dezember wieder eine Weihnachtsausstellung
eröffnet, welche sich aber
diesmal in ihrem Gehalte
weit über das gewöhn-
liche Maß des Christ-
markts erhob. Als be-
sondere Gaben hatten sich
vor allem Kollektivaus-
stellungen von Lenbach
und Stuck eingestellt; die
des letzteren bot nicht
nur eine reiche Auswahl
der neueren Ölbilder des
Meisters, sondern auch
eine ganze Galerie in-
teressanter Handzeich-
nungen allegorischen In-
halts, welche in Gerlach's
bekannten Sammelwer-
ken publizirt wurden, und
eine Anzahl seiner sati-
risch-humoristischen Fe-
derskizzen, die in den
„Fliegenden Blättern" er-
schienen sind. In der
allgemeinen Ausstellung
— um zunächst von dieser

zu berichten — ragten namentlich die größeren
Gemälde von Osw. Achenbach, Hugo Kaufmann und
Chierici aus ihrer Umgebung empor. Des ersteren
„Villa d'Este", ein Architekturprachtstück in zauber-
haftem Zwielicht des Mondes und der Abendröte,
ist von geradezu heroischer Wirkung. Das Gemälde
ist in Komposition und künstlerischer Verarbeitung
wohl eine der herrlichsten Schöpfungen des unver-
gleichlichen Meisters, der unter den landläufigen
Vedutenmalern wie ein Riese dasteht und, was bei
der ungeschwächten Schaffenskraft unsere Bewun-
derung herausfordert, nie in's Flüchtige oder Triviale
verfüllt. Wie billig wäre ein Theaterbeleuchtungs-

Junge Koptinnen. Studienköpfe von Leopold Müller.

effekt bei diesem Motiv gewesen, und mit welcher
Sorgfalt bat der Künstler jedes Zuviel vermieden
und dem Auge nur geboten, was der Zauber der
Natur in gottgeweihter Abendstunde offenbart!
IL Kauffmann s „Holzerschmarn" ist ein anspruchs-
loses Bauernmotiv, vorzüglich gemalt und in den
Gestalten vortrefflich charakterisirt, aber zu groß für
die denn doch zu wenig sagende Episode. Chierici,
der Miniaturmaler im Großen, war fein und glatt,
aber auch kindlich-humorvoll wie immer. In farben-
brillanter Feinmalerei bot uns Galofre y Gimenez
(Barcelona) in seinem „Zigeunerleben" eine wahre

Augenweide; alles
schwimmt im sonnigen
Äther des Südens. Als her-
vorragende Bilder waren
ferner einige Tierstücke
zu notiren; obenan eine
„Viehweide in den Dü-
nen" von Herrn. Baisch.
Die klaren, satten Far-
bentöne sind mit ge-
wohnter Meisterschaft zu
einander gestimmt, und
die Zeichnung verrät das

feinste Naturstudium.
Arth. Thiele schilderte in
größeren Scenen aus dem
Gebirge das „Hochwild-
.leben", und M. Blaas in
einem reizend durchge-
führten kleineren Bilde
„die Heimkehr", die
schwere Arbeit der Dorf-
gäule. Von Gustav Schön-
leber sahen wir eine
ganze Kollektion von 01-
studien, zumeist Strand-
motive, in denen wir so recht den intimen Verkehr
des Meisters mit der Natur belauschen konnten.
So unmittelbar die Bilder der Wirklichkeit ent-
nommen sind, so offenbart sich doch in jedem
Pinselstrich die individuelle künstlerische Fassung
und die sofortige Verarbeitung zu einem künstle-
rischen Ganzen. Die bewegten Strandmotive mit
den verschiedenartig gestimmten Lüften, sowie die
kraftvoll vorgetragenen, sonnigen Architekturbilder
aus dieser Sphäre zeigen wohl in erster Linie die
Meisterschaft des Künstlers. Im kleineren Genre
waren der Wiener Humorist J. Kinzel mit einem
Bildchen „Böse Zungen" und Franz Raben mit einer
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