Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 4.1893

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereina

HERAUSGEBEE:

CARL VON LÜTZOW und DR. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Teltowerstrasse 17.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. IV. Jahrgang. 1892/93. Nr. 27. 1. Juni.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
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lung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DER STECHER W.

Der Leser besorge nicht, dass ich vielleicht mit
der Absicht umgehe, der Hypothese: Dürer habe
nach dem Meister W kopirt, neue Stützpunkte zu
bieten, oder zürn so und so vierten Male darzulegen,
dass diese Annahme unhaltbar sei. Der Stecher W,
der nach Dürer, Schongauer und anderen kopirt hat,
ist ein Kopist und kein Meister. Er ist unmöglich
identisch mit dem Lehrer Dürer's, Wolgemut, denn
ein Meister, der die Flügel des Peringsdörffer'schen
Altars (Germanisches Museum) gemalt hat, kopirt
überhaupt keine Kupferstiche, auch nicht, wenn sie
von Dürer und Schongauer sind, weil ein so respek-
tables schöpferisches Talent, wie diese Altarflügel
es bekunden, nicht zur handwerksmäßigen Kopisten-
arbeit herabsinken kann. Es ist gar nicht unwahr-
scheinlich, dass sich hinter der Mehrzahl dieser, mit
dem Buchstaben W bezeichneten Kopieen der Gold-
schmied Wenzel von Olmütz, der Kopist des , Todes
der Maria" von Schongauer, verbirgt, aber es ist im
Grunde genommen von sehr geringer Bedeutung,
wie er geheißen hat oder was er gewesen ist; denn
ein Kopist ist nur ein Handwerker, in der Regel
ein ganz talentloser, dessen Individualität es nicht
lohnt, darüber so viel unmögliche Hypothesen
ins Feld zu führen, als von einer beträchtlichen
Anzahl sehr geistvoller und auch ziemlich sachkun-
diger Schriftsteller im Laufe der letzten Jahre wirk-
lich geschah.

Zuletzt hat Dr. M. Lehrs in seinem Buche über
„Wenzel von Olmütz" (Dresden. 1889) diesem Stecher
recte Kopisten ein besonderes Werk gewidmet, in j

welchem er mit seltener Gewissenhaftigkeit alle von
Bartsch, Passavant und anderen dem Meister W zu-
geschriebenen Blätter, 91 an der Zahl, neuerdings
numerirt, ihr Vorhandensein bis in die überseeischen
Kupferstichsammlungen von Oswego und Baltimore
konstatirt, und ihre, oft allerdings etwas fragwür-
dige, Erwähnung bis hinunter in die ehrwürdigsten
Auktionskataloge dokumentirt. Lehrs bietet uns
hiermit eine ziemlich sichere Grundlage zur Beur-
teilung dieses unter dem Namen „Meister W" oder
Wenzel zusammengefassten Kollektivbegriffes, und
wir fragen auch sofort, ob es dönn in der That mög-
lich ist, dass alle diese 91 Kupferstiche von ein und
demselben Kopisten W, er heiße nun Wenzel oder
anders, herrühren; dies ist höchst unwahrscheinlich
und es muss irgendwo ein Irrtum stecken, der noch
nicht bemerkt wurde und der alle jene unhaltbaren
Hypothesen, die in der W-Frage heraufbeschworen
wurden, mit verschuldet haben muss.

Bei sorgfältiger Untersuchung der W- Stiche
fällt es vor allem auf, dass sich hier 11 Blätter1)
vorfinden, über deren Originalurheber nicht einmal
eine Vermutung geltend gemacht wurde; dies sind
vor allem sieben gotische Baldachine2), eine Mon-
stranz und ein Deckelpokal, eine Verkündigung
Maria und ein heil. Paulus, — durchaus Blätter,
welche Qualitäten aufweisen, die gewiss keine Ko-
pistenhand verraten. Die einzige Rechtfertigung,

1) Lehrs, N. 3, 46, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86 u. 87.

2) Wir behalten diese Bezeichnung „Baldachine" der
Kürze wegen bei, obgleich sie die Objekte dieser Kupferfitich-
gruppe nichts weniger als zutreffend bezeichnet.
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