Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 15.1903-1904

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DEJEUNER MIT WIENER PROSPEKTEN, 1802 (WIEN, KARL MAYER)

ALT-WIENER PORZELLAN

EINE AUSSTELLUNQSBETRACHTUNQ VON DR GUSTAV E. PAZAUREK

ALT-WIEN wird wieder modern! Damit ist nicht
jenes, seinen Inhalt rasch wechselnde »Alt-
Wien« gemeint, welches in der österreichischen
Reichshauptstadt nie modern zu sein aufhörte, obwohl
man darunter stets etwas anderes verstand, als man
für die Stilrekapitulation ein zugkräftiges Anhänge-
schild brauchte. Das Stück Lokalpatriotismus, das
anderwärts nur zu Ausstellungszeiten das autochthone
ehemalige Kulturleben in der »alten Stadt« wieder
aufleben läßt und daraufhin in der Regel eine glück-
liche Spekulation aufbaut, ist in Wien immer mit
Erfolg herausgekehrt worden und zwar nicht erst
seit der Wiener Theater- und Musikausstellung 1892,
und die Firma »Alt-Wien« ist wirklich in den weitesten
Kreisen populär geworden, und man bewahrt ihr viel-
fach die alte Anhänglichkeit, obwohl die Inhaber
wiederholt schon gewechselt haben. Früher dachte
man bei diesem Worte an die Tage des Prinzen
Eugen, dann an die Glanzperiode unter Maria Theresia,

Kunstgcwcrbebhtt. N. F. XV. H. 5.

hierauf wieder an die rauschenden Festlichkeiten zur
Zeit des Wiener Kongresses und jetzt nähern wir uns
bereits bedenklich dem Revolutionsjahr, das in künst-
lerischer Beziehung des Erfreulichen schon so wenig
bietet, daß die Jung-Wiener Gemeinde eine immer
größere Aussicht auf die Verwirklichung ihrer Emanzi-
pationsbestrebungen gewinnt. — Es gibt aber auch
ein Alt-Wien, das als etwas historisch Abgeschlossenes
vor uns liegt und selbst dort Geltung behalten wird,
wo österreichische Modeströmungen keinen nennens-
werten Einfluß errungen haben. Gerade dieses »Alt-
Wien«, nämlich das Werk der ehemaligen Wiener
k. k. Porzellanmanufaktur, nimmt das Interesse der
Forscher und Sammler eben immer lebhafter in An-
spruch.

Schade, daß Troppau ein wenig abseits liegt, schon
hart an der Grenze, wo die interessanteren Museen
aufhören. An einer günstiger gelegenen Stätte wäre
die am 16. September 1903 eröffnete Ausstellung von

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