Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 13.1914

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BILDHAUER HEBLIG (FACHKLASSE PROFESSOR WACKERLE), BERLIN
Aus dem Kgl. Kammergericht zu Berlin. — Stuckfries aus dem Empfangssaal

preußische Kammergericht ist eine Institution von
historischer Stellung und Würde. Sein altes Heim,
das „Kollegienhaus“ in der Lindenstraße aus dem
Anfang des 18. Jahrhunderts, war einer der cha-
raktervollsten, feinsten Bauten aus der Zeit Friedrich
Wilhelms I. Mit der schlichten Fassade, der wohl-
erwogenen Gliederung der Stockwerke, dem guten
Geschmack der sparsamen ornamentalen Zier und
der schön ansetzenden Rampe gehört es zu den besten
Vertretern der Berliner Zopfarchitektur. Eine
solche Behörde und eine solche bauliche Tradition,
die dem Berliner mit dem Begriff des Kammer-
gerichts untrennbar verbunden ist, stellte ihre An-
sprüche. Die Architekten des Neubaus im Kleist-
park haben sie gar nicht beachtet, oder nicht zu
erfüllen verstanden. Bruno Paul suchte sie mit
mehr Bedacht zu nutzen. Nicht indem er alte
Formen sklavisch kopierte, sondern durch eine
freie und selbständige Weiterbildung geschichtlicher
Motive aus modernem Geist. Die Geschmacks-
richtung seiner jüngsten Interieurs, auf die eben
gedeutet wurde, hatte sich von der früheren Sach-
lichkeit und absoluten Zweckmäßigkeit ohnehin
reicheren Schmuckideen zugewandt. Gewisse
Barockanklänge hatten sich zum Wort gemeldet,
um Wand- und Deckendekor wie Möbelstücke aus
der ein wenig theoretischen und kühlen Ueber-
einfachheit der modernen Anfangszeit zu erlösen
und in ihre Gestaltung einen lebhafteren, fest-
licheren Klang zu bringen. Nun fand er von dieser
bewegteren Formgebung ohne Zwang eine Brücke
zur altpreußischen Tradition. Er schnallte sich da-
bei nicht auf den Anschauungskreis einer bestimm-
ten Epoche fest, sondern suchte sich aus zopfigen,
Rokoko- und klassizistischen Elementen einen
eigenen Stil zu bilden, der trotz allen Verschieden-
heiten im gemeinsamen Boden der preußisch-ber-
linischen Vergangenheit wurzelt.
Der Musiksalon, den man von der Privatwoh-
nung des Präsidenten zuerst betritt, zeigt eine

heitere, graziöse Haltung. Diesen Grundton schlägt
besonders die Wandbehandlung an, die zwischen
flachen Pfeilern auf mattgelb getönten, rechteckigen
Feldern gemalte Girlanden und Festons zeigt, in
fröhlicher, doch klug abgestimmter Buntheit. Die
Decke ist hier ganz schlicht und bescheiden, die
Möbel sind aus dunkelgebeiztem und poliertem
Mahagoni mit dunkelen Bronzeteilen und roten Be-
zügen — behagliche Formen, aus frühklassizisti-
schen und biedermeierischen Anklängen gemischt;
der Teppich dazu, besonders hübsch, mit brauner
Zeichnung auf gelbgrüngrauem Grund — ein
Farbenakkord, der sich von dem Nußbaumparkett
delikat abhebt.
Der Hauptraum, der nun folgt, der sogenannte
„Kleine Saal“ des Kammergerichts, ist repräsentativ.
Er erhält eine eigene Note durch die Teilung in der
Längsrichtung. Ein rechteckiges Raumstück sondert
sich als breit entwickelte Nische ab, von kräftigen
Pfeilern und ausdrucksvollem Gebälk umrahmt.
Die dreigeteilte Rückwand mit den hohen, im Bogen
abschließenden Spiegeln gibt dem ganzen Saal den
vornehm festlichen Charakter. Diese Spiegel er-
innern unmittelbar an alte Schloßmotive des 18. Jahr-
hunderts, aber die holzgeschnitzte und mattvergol-
dete Füllung der Bogensegmente, die ä jour gehalten
ist und das Spiegelglas durchscheinen läßt, sagt
deutlich genug, daß dies alles doch im Anfang
des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Dazu stimmt
dann die lebhaftere Stuckplastik der Decke, die
gelblichweiß getönt ist wie die Wände ringsum.
Und nicht minder stimmen dazu die weiß lackierten
Möbel mit ihren hellblauroten Bezügen und der
köstliche Teppich, der auflichtgraurosa Grund hin-
gestreute Muster in violettrotbrauner und Orange-
Färbung trägt.
Der dritte Raum ist auf den Ton intimerer Ge-
selligkeit gestimmt. Darum sind hier die Wände
weder bemalt noch weiß getönt, sondern zeigen
Stoffverkleidung aus Damast in lichter Tabakfarbe,
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