Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 13.1914

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FRITZ KUHN (D. W. B.), MÜNCHEN
Landhaus und Werkstättengebäude des Herrn K. zu Herrsdüng am Ammersee. — Gesamtansidit von der Gartenseite
DER JUNGE ARCHITEKT.
Von JOSEPH AUG. LUX.

Als strebsamer Künstler will sich der Architekt vor der
Welt auszeichnen; er möchte zeigen, daß seine Jugend
dem Anfängertum längst entwachsen, sich auf den Stab der
Erfahrung, für den Architekten so wichtig, stützen darf; zu-
weilen aber möchte er durch auffallende, ungewöhnliche
Leistungen die Aufmerksamkeit der Mitwelt erregen, die so
eifrig hinter Sensationen und Tagesmoden einher ist.
Wenn er nun die Früchte seines heißen, ehrlichen und oft-
mals mit Undank gelohnten oder verkannten jungen Strebens
überblickt, befällt ihn plötzlich Kleinmut und Zweifel; er findet
nämlich jetzt, daß seinen Arbeiten jenes vielfach begehrte
Etwas fehlt, das Auffallende, Sensationelle, das was von sich
reden macht oder in den Zeitungen „besprochen“ wird.
Nun fragt er sich, was zu tun sei, um von den vielen
neuesten Richtungen, die gegenwärtig auf allen Kunstgebieten
so viel Lärm erwecken und Tagesruhm ernten, etwas für die
Architektur zu gewinnen, um auf diese Weise mehr ins Leben
zu greifen, in den Vordergrund zu rücken, in der ersten
Gefechtsreihe zu stehen als Neuschaffer, Bahnbrecher, Um-
stürzler. Und sei es auch nur um sein eigenes, im Kern
gesundes Wollen und Können auf eine Modeformel zu bringen,
um damit vor den Genossen und namentlich vor dem Publi-
kum begehrter dazustehen. Wer heute Aufträge haben will,
und nicht viel anderes aufzuweisen hat als seinen Fleiß und
seine Tüchtigkeit, der muß sich aufs Warten einrichten, wo-
fern ihm nicht die zweifelhafte Fähigkeit gegeben ist, den
Modetorheiten zu schmeicheln — in der Architektur ein
gefährlich Ding.
Genug an dem, bei einem Ueberblick seines bisherigen
Schaffens möchte er schier irre werden — gerade die Besten
haben solche Stunden —! Ob er sich denn auf dem richtigen
Weg befunden habe, und ob er nicht von neuem anfangen
müßte, ganz, ganz anders, der Himmel weif; wie, jedenfalls
aber anders

In dieser Stunde der Verzagtheit möchte ich dem Genius
Mut machen, Mut zu sich selber, Mut zu seinem bisherigen
Streben, denn das braucht der Mensch, um zu bestehen.
Mühsam und dornenvoll ist der Lebenspfad des Architekten,
und der Lorbeer blüht ihm verhältnismäßig spät. Er blüht auch
keineswegs dort, wo der Tagesruhm eingeheimst wird und die
Modehelden erstehen. Wir haben Architekturmoden erlebt, die
von sich reden machten, sensationell waren und in den
Zeitungen standen — aber wo sind sie? Gestern bewundert
— und heute schon verlacht, zum verjährten Plunder geworfen,
vergessen. An diesen fremden Beispielen haben wir es erlebt,
daß es in der Architektur auf etwas anderes ankommt, als
bei den Damenhüten oder Modestoffen oder dekorativem
Kleinkram.
Darum sei ihm Recht zu geben, daß es in der Archi-
tektur nicht auf jene geschmackliche Ueberkunst ankommt,
die den Augenblicksschöpfungen des Tages angemessen sind,
sondern daß mehr als in allen anderen Künsten für die Ar-
chitektur — das reale Bedürfnis entscheidet.
Einer der größten Baukünstler hat diesen Spruch zu seinem
Leitstern gemacht: Artis sola domina necessitas.
Das klingt scheinbar nüchtern, aber der junge Architekt hat
keinen anderen Weg, wenn er zu einer Baukunst gelangen will,
die das Leben unserer Zeit zum Ausdruck bringt und dem
wirklichen Dasein, den Zeitgenossen, dem Auftrag, dem Genius
loci, den klimatischen Verhältnissen, dem vorhandenen Mate-
rial und den pekuniären Mitteln entspricht. Nur die Mutter
Notwendigkeit kann ihn lehren, in seinen Bauschöpfungen die
wahren Lebensverhältnisse der Zeit und die gegebenen Kon-
struktionen zum Ausdruck zu bringen, ohne Umschweife und
Ziermacherei. Nur mit diesem Wirklichkeitssinn sieht er sich
in der Lage, seinen Idealismus auszudrücken und wahre An-
erkennung hervorzurufen, die Anerkennung der Wissenden und
Verständigen, um die ihm in erster und letzter Linie zu tun
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