Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 13.1914

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DAS HAMBURGER KONTORHAUS
Neue Arbeiten von Fritz Höger, Hamburg
Von Robert BREUER, Berlin

Auch von der Architektur gilt, wie von aller Kunst,
daß sie durch sich selber, kommentarlos, als rein
optisch überzeugende Form wirken muß; aus seinen
Bauten sollen die Absichten des Architekten erfühlt
und begriffen werden. Ein Bauwerk, das zur rechten
Wirkung nur durch die Erläuterung seines Ur-
hebers kommen kann, verfiele der Lächerlichkeit.
Dennoch ist es nie uninteressant, einen tüchtigen
Baumeister die Grundsätze seines Schaffens vor-
tragen zu hören. Fritz Höger, von dessen neuen
Arbeiten einige hier registriert werden, hat kürz-
lich in der Braunschweiger „G. N. C. Monatsschrift“
auseinandergesetzt, was er für das Programm des
von ihm gewählten Werkgebietes, des Hamburger
Kontorhauses, halte. Seine Gedanken decken sich
mit seinem Werk; darum sind sie nicht bedeutungs-
los. Darum sind sie aber auch von einer nüchternen
und unwiderlegbaren Selbstverständlichkeit.
Höger setzt auseinander, daß das Kontorhaus
neben dem Warenhaus ein durchaus selbständiger
Typ des modernen Geschäftshauses ist. Das Kontor-
haus ist interner; es ist eine letzte Differenzierung.
Anfangs, in jenen Zeiten, aus denen noch heute
charaktervolle, dem behäbigen Barock oder einer
gemütlichen Klassik zugehörende Häuser die Winkel-
straßen der Hamburger Altstadt säumen, waren
unter den hochausgebauten Dächern das Waren-
lager, der Verkaufsraum, die Schreibstube und die
Wohnung des Kaufherrn vereinigt. Im Laufe einer
bedeutsamen Entwicklung spaltete sich solche
primitive Hauseinheit nach den Funktionen der
Räume. Für die Waren wurden die Speicher in
der Nähe des Hafens gebaut; die Wohnung ver-
legte man in die grüne Peripherie der Stadt; mög-
lichst unweit der Börse, durch deren Organisation
der Verkauf erledigt wird, wurde das Kontorhaus
aufgestellt. So klärten sich präzise Bauaufgaben.
Zuweilen freilich kam es auch zu einer Verbindung
der Kontore mit einem sortierten Musterlager; zu-
weilen sind die Kontore nur der geringere Bestand-
teil innerhalb eines Komplexes von Verkaufsräumen.
Stets aber spürt man an jedem dieser Bauten die
Materialisation eines durchrechneten Geschäfts-
planes, der mit einem Minimum an Aufwand und
einem Maximum an System den technisch und
wirtschaftlich besten Grundriß zu gewinnen ver-
sucht. Die Kunst des Kontorhauses ist die Kunst
des Grundrisses; seine Fassade ist, und dies so

radikal wie möglich, nur die vertikale Projektion
der Raumabsteckungen. Das Kontorhaus darf nach
Högers Auffassung nichts als ein Vielfaches des
Kontors sein. Ein Raum, wie ihn der betreffende
Kaufherr als besonders zugemessen braucht, wird
zur Urzelle des gesamten Organismus. Durch die
Konstruktionspfeiler werden die entscheidenden
Abstände der Innenmauern und die charakterisie-
renden Teilungen der Fassade festgelegt. Diese
Abstände aber sind zu groß, um ein Grundmaß
geben zu können; sie werden durch Zwischen-
pfeiler in mehrere Unterachsen zerlegt. Die Distanz
der Unterachsen, die den Rhythmus der Fenster
regeln, liefert das Grundelement für die dauernd
variable Größe der Räume. Solch ein Kontorhaus
muß in der Lage sein, heute die zehn achtachsigen
Räume einer Etage umgehend in zwanzig vier-
achsige umzuwechseln. Die Räume eines Kontor-
hauses müssen die Schwankungen der Konjunktur
begleiten können. Neben dieser Forderung der
höchsten Beweglichkeit steht die andere der größten
Ausnutzung. Das Kontorhaus wird auf dem teueren
Boden der City gebaut; es soll den Zins, den
letzten Sinn jeder merkantilen Betätigung, dadurch
steigern, daß es die Unkosten möglichst ermäßigt.
Solche Ausnutzung darf aber diesmal nicht wahl-
lose Verschachtelung der Räume bedeuten, viel-
mehr: die weiseste Anordnung der Korridore, der
Lichthöfe, der Fahrstühle, der Waschgelegenheiten.
Dabei fordert die Ökonomie des Betriebes, daß alle
diese zentralen Stellen des Baues von allen übrigen
möglichst gleichmäßig entfernt liegen. Alle Raum-
elemente, die täglich von sämtlichen Insassen des
Hauses durchschritten oder sonstwie genutzt werden
müssen, determinieren das innere Gleichgewicht
des Grundrisses. Von entscheidender Wichtigkeit
ist die Anordnung der Belichtung. Die Größe der
Schreibpulte oder der Regale, die der Konsument
der Räume notwendig hat, hilft den Abstand der
Zwischenachsen und deren Vielfaches bestimmen;
auch die Tiefe der einzelnen Räume wird bedingt
durch die Verdrängungen der benötigten Möbel.
Von der Erfahrung des Architekten wird es nun
abhängen, ob zum Beispiel eine Tiefe von drei
Schreibpulten oder deren vier zulässig ist, ohne
die Wirkung der Fenster zu erschöpfen. Auch die
Belichtung der Korridore muß sorgfältig erwogen
werden.
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