Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 13.1914

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OTTO SALVISBERG, BERLIN
Entwurf für ein Reform-Hotel zu Berlin, Ecke Köthner- und Bernburgerstraße. — Nadi einer Kohlezeichnung

ARCHITEKTUREN VON OTTO SALVISBERG, BERLIN
Von PAUL WESTHEIM, Berlin

Der Name Otto Salvisberg konnte der wei-
teren Öffentlichkeit bisher nicht bekannt
werden. Gelegentlich einiger Ausschreibungen hörte
man ihn unter denjenigen, die mit Preisen aus-
gezeichnet worden waren. Seine eigentliche Bau-
tätigkeit aber — eine sowohl der Art wie dem Um-
fange nach nicht unbeträchtliche Tätigkeit - mußte
auch den Vielen, die sich heute schon für qualität-
volle Architektur interessieren, unbekannt bleiben.
Wieso das in einer Zeit, in der jedes kleine Bau-
meisterchen nichts Dringlicheres zu tun zu haben
glaubt, als schnell und weit bekannt zu werden?
Hat er seine Bauten irgendwo in einer unzugäng-
lichen Wildnis errichtet? Nein. Sie stehen im
Zentrum von Berlin. Am Potsdamer Platz, in der
Lindenstraße, da, wo sie von dem gesamten Groß-
Berlin jeden Tag gesehen werden müssen. Und
trotzdem konnte, mußte der Architekt im Dunkel
der Anonymität bleiben?!
Er war nämlich liiert mit einem Finanzarchi-
tekten. War innerhalb des Großbetriebes der Bau-
firma Zimmereimer der Mann, von dem die Ent-
würfe kamen, der hier im eigentlichen Sinne das
Bauen besorgte. Der größere Teil der Bauten
wenn nicht alle? —, an denen in den letzten Jahren
das Schild dieser Firma prangte, weisen seine Hand-
schrift, sind unverkennbar Dokumentationen seines

Geistes, obgleich diejenigen, die, solange die Firma
bestand, nicht zu den Eingeweihten gehörten, nie
diesen Namen zu hören bekommen haben. Eine
alltägliche Sache. Gegen geistige Urheberschaft —
auf welchem Gebiet es auch sei — tritt das Kapi-
tal immer mit Unterdrückungsgelüsten auf. Gei-
stige Urheberschaft so anonym zu machen, wie es
das Kapital selbst ist, ist sein natürlichstes Be-
streben. Baumeister so austauschen zu können wie
man Finanzoperateure, Bürochefs, Hilfsarbeiter
gegeneinander austauscht, ohne daß für Außen-
stehende von dem Wechsel sonderlich viel zu mer-
ken wäre, ist seine heißeste Sehnsucht. Ist viel-
leicht seine Notwehr. Denn die einzige Gefahren-
quelle, die es für den Kapitalismus gibt, das einzige,
was für ihn unerreichbar bleibt, ist die schöpferische
Persönlichkeit. So lange Architektur noch etwas
anderes ist als Terrain- und Hypothekenschiebung,
werden diese Salvisbergs — so gut man sich auch
persönlich mit ihnen steht, so hoch sie auch (wie
es hier tatsächlich der Fall zu sein schien) inner-
halb der Organisation geschätzt werden — zu fürch-
ten sein. Sie können ja immer das tun, was dieser
Salvisberg schließlich auch tun mußte, können auch
ohne diesen großen, gewiß nicht zu unterschätzen-
den Apparat der Baufirma ihre Qualitäten entfalten
und selbständig bauen. Ihre Handschrift, Charakter

MOD. BAUFORMEN 1914. März 1.

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