Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

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Aus dem Württembergischen Kunstgewerbeverein.

Ueber das künstlerische Eigenkleid und Typenkleid sprach als Gast des
"Württembergischen Kunstgewerbevereins am 14. Dezember 1908 Frau Geheimrat
Anna Muthesius (Berlin) im Vortragsaal des Kgl. Landesgewerbemuseums in Stutt-
gart. Der Besuch war — wie gleich festgestellt sein mag — trotz einiger, die Kunst-
kreise ebenfalls interessierenden Veranstaltungen am selben Abend, sehr stark, der
Beifall außerordentlich. Es ist auch ein ganz ungewöhnlicher Genuß, diese überaus
fein empfindende Frau, die man als Vorkämpferin für eine logische und ästhetische
Frauenkleidung längst bestens kennt, persönlich hören oder besser: genießen zu können.
Frau Muthesius ist die personifizierte („fleisch gewordene" klänge zu brutal) Stim-
mung; ein vornehmes, fast transzendentales Wesen mit seelenvollen Augen und einer
— trotzdem sie Sängerin ist — nicht sehr großen, aber anmutig-natürlichen Stimme,
die das wohlgegliederte, inhaltreiche und gut ausgefeilte Manuskript sehr sympathisch
wiederzugeben weiß. —- "Wenn sonst Damen die Rednertribüne betreten, ist man ge-
wöhnt, den "Wetteifer mit den Vortragsmitteln des Mannes besonders deutlich zu
spüren; namentlich wenn es nicht humanitäre Fragen sind, sondern Gebiete, in die
sich die Frauen von den Männern nicht gerne hineinreden lassen, kann man vom Redner-
pult mitunter einen an "Wut grenzenden Feuereifer entflammen sehen, und die dem
Weib ureigene Grazie ist verschwunden. Nicht so bei Frau Muthesius. In der Sache
ist sie unerbittlich und bekämpft die „Mode" in der Kleidertracht, besonders die
Pariser Mode (speziell auch die Bluse) mit einer, keinen Zweifel lassenden Entschie-
denheit. Aber es sind keine Keulenschläge, die auf die Gegner niedersausen, son-
dern wohlgezielte Degenstiche verwunden ihn an den Stellen, wo er sterblich ist.
In der Form ist die natürliche Grazie durchaus gewahrt; Mätzchen und Scherze, die
gerade bei diesem Thema sehr naheliegend und stets wirkungsvoll sind, verschmäht
die Rednerin, weil sie die von ihr beabsichtigte und bis ans Ende festgehaltene Stim-
mung zerreißen könnten. — Wir verzichten hier auf eine umständliche Inhaltsangabe,
zumal der Vortrag, der eine Dame von Geschmack bei der "Wahl, beziehungsweise
Herstellung eines für sie geeigneten Kleides mit guten Ratschlägen begleitet, nicht
zum erstenmale gehalten worden ist, und die durchaus richtigen Ansichten der Frau
Muthesius schon aus deren Aufsätzen genügend bekannt sind. Daß die am Schlüsse
des Vortrags gezeigten Lichtbilder tadellos und sehr charakteristisch gewählt waren,
versteht sich bei diesem Gaste auch von selbst. "Wir wollen uns hier nur auf die
Wiedergabe des starken Eindrucks beschränken, den dieser ausgezeichnete Vortrag
in der empfänglichen und aufmerksamen Zuhörerschaft hinterlassen hat. Noch lange
nach Schluß umdrängte das dichte Publikum das Podium, um der Frau Muthesius
seine Verehrung zu bezeugen, vielleicht auch ein wenig aus weiblicher Neugier, um
das wundervolle Kleid der Vortragenden aus nächster Nähe betrachten zu können:
ein stumpf rotes weiches Liberty-Seidenkleid mit reich gesticktem japanischem Jäck-
chen in guter Analogieharmonie zum tiefroten Haarband und zum roten Brustschmuck
und im Komplementärkontrast zum lebhaft grünen Seidenfutter des Nerzpelzes. Gerade
solch eine fast raffiniert kombinierte Farbenstimmung stand wieder im entsprechen-
den Gegensatze zu der schlichten Natürlichkeit der Worte; aber beides — wort und
Beispiel — bildeten in ihrer scheinbar mühelosen, abgerundeten Darbietung geschlos-
sene Kunstwerke. Wenn etwas die harmonische Stimmung des Abends störte, so war
es die schwulstige und doch so nüchterne Renaissance-Architektur des Vortragsaales, p.

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