Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

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MÜNCHEN UND DARM STADT.

EINE AUSSTELLUNGSBETRACHTUNG DES JAHRES 1908.

Die beiden bedeutendsten, das Kunstgewerbe berücksichtigenden Ausstell-
ungen auf deutschem Boden waren im verflossenen Jahre die von München
und Darmstadt. Es war besonders lehrreich, den friedlichen Wettkampf
zwischen unseren beiden hauptsächlichsten Vororten moderner künstlerischer
Kultur zu verfolgen, zwischen der diesmal in corpore auftretenden, längst
beglaubigten bayrischen Hauptstadt und zwischen der rasch emporgekommenen,
hessischen Zentrale. Während München seit der großen, zweiten deutschen kunst-
gewerblichen Ausstellung im Jahre 1876 keine zusammenfassenden Unternehm-
ungen großen Stiles in Szene gesetzt hat, haben es die Darmstädter, die nicht
vielleicht eine alte Meisterschaft zu verteidigen, sondern erst neu zu erwerben
trachteten, an der größten Rührigkeit nicht fehlen lassen und uns in dem
beispiellos kurzen Zeitraum von sechs Jahren nicht weniger als drei Aus-
stellungen geboten, die für uns von besonderer Wichtigkeit wurden. Für München
war es wirklich bereits ernstlich notwendig geworden, mit einem großen modernen
Unternehmen vor die Oeffentlichkeit zu treten, wenn man dort auch für die
Folgezeit die frühere Führerrolle behalten wollte.

Was nun in München und in Darmstadt beiderseits unter Anspannung aller
in Betracht kommenden künstlerischen Kräfte geleistet wurde, verdient unsere
volle Anerkennung. Trotzdem werden wir gut tun, die beiden Veranstalt-
ungen nicht miteinander zu vergleichen, da dies für beide Teile un-
gerecht wäre. Auf der einen Seite steht ein reiches Gemeinwesen mit einer
geradezu unübersehbaren Menge künstlerischer Kräfte aller Art, mit guter
alter Handwerkstradition und mit erprobten Führern auf dem Gebiete mo-
derner Formenwelt; auf der anderen Seite sind es nur wenige, allerdings als
tüchtig besonders bekannte Persönlichkeiten, die unter der Patronanz des
Hofes und des Staates in rascher Aufeinanderfolge bezeugen, daß bei ent-
sprechender Bodenpflege auch einem früher sterilen Land lebensfrische Kulturen
entsprießen können. Aber auch aus einem anderen Grunde wäre ein Vergleich
der beiden Ausstellungen nicht durchführbar, da an beiden Orten ganz ver-
schiedene Programme zur Durchführung gelangten. In Darmstadt ist nicht
nur die angewandte, sondern auch die freie Kunst zum Worte gekommen,
Wogegen in München die freie Kunst in ihren bisherigen, von der Ausstellung
vollständig gesonderten Räumen zusammengefaßt war, während die Ausstellung
andererseits weit über die angewandte Kunst hinausging. Mehr als sonst gilt
in Künstlerkreisen das Sprichwort: „So viel Köpfe, so viel Sinne"; man wird
daher in München ein solches Zusammenfassen aller Kräfte, wie dies bei aller
Wahrung der Individualitäten in Darmstadt leicht möglich war, in der Regel
nicht verlangen dürfen, vielmehr geradezu erstaunt sein müssen, daß die zahl-
losen, oft einander widerstreitenden Künstler zu einer einheitlich doch so ge-
schlossenen Gesamtleistung vermocht werden konnten.

Beiden Ausstellungen gemeinsam ist zunächst die ganz vorzügliche, dem je-
weiligen Gelände trefflich angepaßte Gesamtdisposition. (Warum man weder
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