Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

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Literarische Neuheiten.

LORENZO BERNINI, von Friedrich Po Hak. (Stuttgart, Julius Hoffmann, 1908.)

Der zu seinen Lebzeiten von der ganzen Kulturwelt des 17. Jahrhunderts wie eine Gottheil
verherrlichte, seit den Tagen des Klassizismus aber über ein Jahrhundert als der Ausbund aller
künstlerischen Scheußlichkeiten hingestellte, geniale römische Bildhauer Lorenzo Bernini hat end-
lich auch einen deutschen Biographen gefunden. Der feinsinnige Kunstverlag von Julius Hoffmann
überreichte uns ein hübsches Buch mit guten Bildern, kein Foliowerk von unhandlichen Ab-
messungen, keine stupende Gelehrtenarbeit, der man den sauren Arbeitsschweiß von ferne anmerkt,
sondern einen kleinen Band von wenig über hundert Seiten, aber doch alles Wesentliche über diese
Frage. Auf die Forschungen von Baldinucci und besonders Fraschetti aufgebaut, aber doch überall
auf eigene Kritik und vor allem auf die Autopsie aller wichtigen Werke Berninis fußend, gibt uns
der Verfasser ein, trotz der Fülle des Stoffes angenehm und genießbar geschriebenes Buch, keine
aneinander gereihten Kollektaneen. Das Leben und Wirken des Erbauers der Peterskolonnaden,
sowie zahlloser Grabdenkmäler und Brunnen Roms wird aus diesen Schilderungen ungemein an-
schaulich; die ganze Zeit päpstlicher Prachtentfaltung ersteht vor unseren Augen. Gerne hätten
wir auch den riesigen Einfluß Berninis auf die außeritalienische Mitwelt, wie namentlich auf die
deutsche und österreichische Nachwelt durch gute Konfrontationen dargelegt gesehen, aber in diesem
Punkt beschränkt sich Pollak — hoffentlich nur vorläufig — auf einige dürftige, allgemeine Zeilen.
Im Jahr 1665 von einer „Rokokoleistung" zu sprechen, ist nicht sehr glücklich; unsere Durch-
schnittsgebildeten sind in der Kunstgeschichte noch nicht so fest, als daß dergleichen nicht zu
neuerlichen Verirrungen Anlaß geben könnte. — Aber derlei Einwürfe betreffen nicht den Kern
der Arbeit, über die wir uns im allgemeinen nur zu freuen haben. p.

DIE EDELSCHMIEDEKUNST FRÜHERER ZEITEN IN PREUSSEN. II. Von E. von Czihak.
(Leipzig, Hiersemann 1908.)

Vor fünf Jahren hat der, inzwischen nach Berlin berufene Regierungsrat E. von Czihak, der
seinen mehrjährigen Aufenthalt in Königsberg zu den umfassendsten Spezialstudien benützt hatte,
m seinem damaligen Wohnort Düsseldorf (bei L. Schwann) den ersten Band dieses groß angelegten
Werkes erscheinen lassen, der nebst den allgemeinen Darlegungen die Edelschmiedekunst in Preußen,
namentlich in Ostpreußen zum Gegenstande hatte. In gleich meisterhafter und musterhafter
Weise ist nun Westpreußen, nämlich Danzig, Thorn, Elbing, Marienburg nebst Marienwerder,
Graudenz, Löbau und Flatow an die Reihe gekommen. Wir im Süden haben uns bisher keine
richtige Vorstellung gemacht von der großen Bedeutung, die der Danziger Goldschmiedekunst, die
niit jener von Breslau erfolgreich konkurriert, zukommt, desgleichen z. B. den Arbeiten von Thorn,
die zu uns fast nie verschlagen werden. Aber nicht nur die staunenswerte Quantität, noch mehr
die speziell in den früheren Arbeiten ganz hervorragende Qualität der Objekte, die in den tadel-
losen 25 Lichtdrucktafeln und auch in den meisten Textabbildungen sehr gut zum Ausdrucke kommt,
überrascht uns. Eine fast unabsehbare Liste von Meistern nebst mehreren, sehr brauchbar an-
geordneten Markenverzeichnissen, in denen eine riesige Summe von Arbeit steckt, macht dieses
neueste und zugleich beste Werk über deutsche Edelschmiedekunst für alle Museen und Sammler
zu einem unentbehrlichen Nachschlagebuch. — Von beiden Seiten ist der Verfasser mit demselben
Glücke an seine Aufgabe herangetreten: Er hat sich nicht — wie z. B. W. Stieda bei seinen Fayence-
Forschungen — mit der archivalischen Seite allein begnügt; er war noch nicht zufrieden, aus dem
Ranziger Staatsarchiv, aus der alten Werklade der Danziger Goldschmiede und aus den sonstigen
städtischen Archiven und Kirchenbüchern direkt oder indirekt unzählige Urkunden und Regesten
ans Tageslicht zu fördern, sondern er ging auch überall den noch erhaltenen kirchlichen und
Reiflichen Goldschmiedeobjekten nach, ob sie sich noch in ihrer Heimat befinden, oder in verschiedenen
Museen des In- und Auslandes, besonders in Moskau zerstreut sind. Was etwa durch noch kost-
spieligere Reisen an dem Gesamtbilde geändert werden könnte, würde jedenfalls nicht wesentlich
sein. Man muß der Provinzialkommission zur Verwaltung der westpreußischen Provinzialmuseen,
sowie dem Verein für Wiederherstellung der Marienburg dankbar sein, daß sie durch die materielle
Unterstützung dieses schönen Werkes dazu beitrugen, unsere Literatur in so vorzüglicher Weise
2u bereichern. Wenn wir etwas schmerzlich bedauern, dann ist es nur die Tatsache, daß E. von Czihak,
°-er jetzt als Gewerberat eine ganz andere, rein praktische Berufsaufgabe zu erfüllen hat, wohl
?Icht so bald dazu kommen dürfte, der Geschichte des deutschen Kunstgewerbes ein so großartiges
Werk zu schenken, zu dem wir ihn und uns beglückwünschen können. p.

DIE „DEKORATIVE KUNST" (Verlag J. B ru ckm ann, A.-G., München) ist tatsächlich die beste
unserer modernen kunstgewerblichen Zeitschriften; das hat das Jahr 1908 wieder aufs neue
s?hlagend bewiesen. Den zahlreichen, parallel laufenden oder einander zum Teile schneidenden
"Richtungen" in gleicher Weise gerecht zu werden, aus der fast unendlichen Fülle des Stoffes mit
^°enso viel peinlicher Objektivität, wie mit sicherem Geschmack wirklich das Beste, Hoffnungsvollste
nerauszugreifen und ein wirklich wahrheitsgetreues und anschauliches Gesamtbild der ganzen
j-ntwickelung zu geben, ist eine nichts weniger als leichte Aufgabe. Auch im letzten Jahre gab es
^em planloses Hin- und Hergreifen, kein Walten des Zufalls oder der Protektion, sondern ein ziel-
eWußtes Fortschreiten auf dem Wege der guten bisherigen Ueberlieferung, die diese Zeitschrift
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