Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

Seite: 82
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WÜRTTEMBERGISCHE KUNSTCHRONIK

VOM 1. JULI BIS 31. DEZEMBER 1908.

Bei dem Ideen-Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für einen Stadtpark
in Hamburg, der auf einem 178 Hektar großen Gelände zwischen den Stadtteilen Winter-
hude und Barmbeck angelegt werden soll, erhielten Anfang Juli Garteningenieur Karl
Schwede und Architekt Franz Roeckle (Stuttgart) einen Preis von 4000 Mark.

An der von Stadtpfarrer Kallee aufgefundenen und genauer beschriebenen Völker-
burg auf dem Lemberg wurden im Juli unter der Leitung der Herren Dr. Gößler
und Dr. Sontheimer (Stuttgart) Ausgrabungen vorgenommen, wozu die Stadtgemeinde
Feuerbach in freigebiger "Weise die Mittel zur Verfügung stellte. Die aufgestellten
Behauptungen, daß die Befestigungen aus der Keltenzeit stammen, sind vollständig
bestätigt worden. Die drei Wälle, heute noch deutlich erkennbar, stammen aus einer
Zeit, die beinahe 3000 Jahre hinter uns liegt. Beim Durchgraben dieser Abschnitt-
wälle fand man Spuren von Mauerwerk ohne Mörtelverband, dazwischen teils der
Länge, teils der Quere nach eingefügte, wenn auch jetzt verkohlte Balken. Außer
den Mauerspuren wurden auch noch Scherben und Knochenreste gefunden. Es wurde
festgestellt, daß diese früheren Ansiedlungen zwei Kulturepochen angehören, die
4—500 Jahre auseinanderliegen: der Hallstattperiode, 8—900 v. Chr., und der La
Tene-Periode, etwa 400 v. Chr. Besonders interessant war eine aufgedeckte Wasser-
leitung, die zweifellos Regenwasser ansammelte.

Anfang Juli sind durch Ausschachtungen in der Stiftskirche Stuttgart merkwürdige
Spuren der älteren Baugeschichte dieses ältesten Baudenkmals der Stadt zum Vor-
schein gekommen, nämlich die Grundmauern des Nordschiffs der romanischen
Basilika, von der der Südturm in seinen unteren Stockwerken herrührt und auch
der Dachansatz des Mittelschiffs an der Giebelmauer des Chors (unter dem Haupt-
dach) noch vorhanden ist. Das romanische Seitenschiff war schmäler als das be-
stehende spätgotische (ohne die Kapellennischen). Doch war das romanische Lang-
haus annähernd so lang als das jetzige. Die innere Grundmauer, die die Pfeiler-
stellung des Mittelschiffs trug und auch die spätgotische Pfeilerstellung aufgenommen
hat, läßt die Pfeilerabstände der romanischen Basilika erkennen. Sie entsprachen
ungefähr der Weite des Seitenschiffs. Auf die Länge des Schiffs kommen sieben
Arkaden; und so ergibt sich für die Schiffspfeiler insgesamt die heilige Zwölfzahl.
An die Umfassungswand des Seitenschiffs angestoßen fand sich der Unterbau eines
Altars. Merkwürdig ist auch der Fund von zwei Stücken eines romanischen Bogen-
frieses, die im äußeren Fundament eingemauert waren. Sie zeigen je zwei eingetiefte
Rundbögen, unten eingefaßt von einer nach oben abgefaßten Leiste. Das sind ohne
Zweifel Ueberreste eines Kirchengebäudes, das dem hochromanischen noch voranging,
eines frühromanischen Oratoriums aus dem 10. bis 11. Jahrhundert. An dessen
Stelle trat zu Ende des 12. Jahrhunderts die Basilika, und an deren Schiff wurde
nach der Verlegung des Stifts von Beutelsbach um 1320 durch Walther den Stein-
metzen der heutige Chor angebaut, dessen Giebel auch wieder mit den Stücken eines
romanischen Gesimses abgedeckt wurde. Der Chor ist breiter als das Schiff und
aus der Achse gerückt gegen Süden, vermutlich weil an der Nordseite ein Bauteil,
etwa die Sakristei, stand, der beibehalten werden sollte. Der Südturm zeigt im
Erdgeschoß ein (bereits frühgotisches) Rippenkreuzgewölbe; und oben zum Teil unter
dem Dach des Schiffs noch wohlerhaltene Friese mit Füllfiguren von Tieren — einen
Hirsch, zwei Gänse mit verschlungenen Hälsen und — am Fuß des ehemaligen Hoch-
werksdaches einen Wasserspeier in Löwenform. Ob der Nordturm ausgeführt war
oder nicht, ist unbekannt; angelegt ist der Plan auf ein Paar von Türmen an der
Grenze von Chor und Schiff. Im 15. Jahrhundert wurde dann bekanntlich das Schiff
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