Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

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DAS SCHWÄBISCHE BAUERNHAUS.

VON PROFESSOR DR. E. GRADMANN, LANDESKONSERVATOR.

Bei den Malern ist das schwäbische Dorf nicht wenig in Gunst, obschon
weniger als das schwäbische Städtchen. Für die volkskundliche Hausforschung
bieten die württembergischen Bauernhäuser, abgesehen von einem altertüm-
lichen, in Oberschwaben erhaltenen Typus nicht eben viel Ausbeute. Dem
Architekten aber geben nicht nur die Konstruktionen und Schmuckformen der
altschwäbischen Holzbaukunst in Dorf und Stadt mancherlei Anregung, sondern

1. Niederschwäbisches Dorf, Hoheneck OA. Ludwigsburg.

überhaupt die bäuerliche, heimische Bauweise des Landes mit ihren über-
lieferten Geschmacks- und Stimmungswerten, ihrem reinsachlichen, urwüchsigen
und volkstümlichen Charakter, und ihrer malerischen, der Landschaft an-
gepaßten Wirkung. So ist das schlichte Bauernhaus unser Vorbild der neuen
Volkskunst und Heimatkunst, Vorbild des ländlichen Wohnhauses auch in
Schwaben geworden, wie es einst Ausgangspunkt der bürgerlichen Baukunst
gewesen ist.

Das Herz des schwäbischen Landes liegt heutzutage in Niederschwaben,
Wo das Volk halb fränkischer Abstammung ist (denn die alte Grenz-
mark zwischen Franken und Schwaben lief ganz nahe bei Stuttgart west-
lich zum Ursprung der Murg, schwäbisches Volkstum ist aber seit den
Zeiten der schwäbischen Kaiser nach Norden vorgedrungen bis zum Main-
gebiet). Alt-Württemberg, dessen Regierung stets väterlich — zuweilen mehr
als väterlich — ins wirtschaftliche Volksleben einzugreifen liebte, hat überall
einem niederschwäbischen Bauernhaustypus Eingang und Vorherrschaft ver-
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