Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

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NEUZEITLICHE GOLDSCHMIEDE-ARBEITEN
FÜR SCHWÄBISCHE KIRCHEN.

Erfreulicherweise wendet sich die Kirche, die seit anderthalb Jahrtausenden
als Auftraggeberin der bildenden Künste eine führende Stellung einnimmt,
immer mehr den modernen Kunstrichtungen zu. Es gibt zwar auch bei uns
in Deutschland noch genug geistliche Würdenträger, die sich von der über-
kommenen Anschauung nicht frei machen können, daß in eine gotische Kirche
nur „gotische", in eine romanische nur „romanische" Kultusgeräte passen.
Aber immer mehr wächst die Zahl jener weiterblickenden Persönlichkeiten,
die die Ueberzeugung erlangt haben, daß hier konservative Tendenzen übel
am Orte sind, daß vielmehr auch die Kirche weitaus am richtigsten vorgeht,
wenn sie sich zur rechten Zeit solche ästhetische Anschauungen zu eigen
macht, welche ein Charaktermerkmal unserer Periode geworden sind. „Jeder
Zeit ihre Kunst" gilt auch für die religiösen Kreise, und stets hat es die
Kirche verstanden, die Formensprache der verschiedenen Zeiten und Völker
auch ihren Zwecken dienstbar zu machen.

Hat doch selbst der oppositionellste aller historischen Stile, das Rokoko,
trotzdem er seiner ganzen Tendenz nach entschieden vorwiegend weltlicher

Abb. 1. • Ahb- 2'
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