Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

Page: 205
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mwkgv1908_1909/0212
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
WÜRTTEMBERGISCHE KUNSTCHRONIK

VOM 1. APRIL BIS 30. AUGUST 1909.

Aus dem Stuttgarter Künstlerbund. 1. April 1909. Professor Johann Vincenz
Cissarz erhielt von der kaiserlichen Reichsdruckerei in Berlin einen Auftrag zur
Herstellung von Entwürfen für graphische Druckwerke verschiedener Art. — Neuere
graphische Arbeiten von Professor Carlos Grethe wurden von den folgenden Museen
erworben: K. Kupferstichkabinett in Berlin, Kgl. graphische Sammlung in München,
Kgl. Kupferstichkabinett in Dresden, Kgl. Kupferstichkabinett in Stuttgart, Kunsthalle
in Bremen, Deutsches Buchgewerbemuseum in Leipzig, K. K. Hofbibliothek und
Albertina in Wien, Museum in Basel. Zwei Landschaften von Professor Hans
v. Heider, Lehrer an den Kgl. Lehr- und Versuchswerkstätten, wurden vom Verein
Württembergischer Kunstfreunde angekauft. Melchior v. Hugo wurde beauftragt,
für den Sitzungssaal der Ersten Kammer die Bildnisse des Königs und der Königin
zu schaffen.

Im Römerkastell bei Cannstatt und in seiner Umgebung sind im April bei Grab-
arbeiten, die durch das Kgl. Landeskonservatorium sorgfältig überwacht wurden,
eine Menge neuer Funde zutage getreten. Besonderes Interesse bietet ein Bronze-
figürchen, das eine zwar bescheidene, aber recht hübsche Wiederholung des berühmten
„Herkules mit dem Hirsch" darstellt. Es handelt sich um die kleine römische Kopie
einer edlen griechischen Arbeit, eines Werkes des Lysippos. Der Hirsch ist bei dem
Cannstatter Stück durch Feuer und Rost zerstört bis auf wenige unförmliche Reste.
Herkules selbst aber ist vollständig und zum Teil sehr gut erhalten; er scheint ver-
goldet gewesen zu sein. Das Figürchen zeigt den jugendlichen, unbärtigen Herkules,
wie er mit dem linken Knie den Hinterleib des Tieres zu Boden drückt und mit
den Händen das Geweih des Hirsches packt, um ihn niederzuzwingen.

In einer Anfang April vom Kaufhaus Wertheim in Berlin veranstalteten Ausstellung
von Arbeiten führender kunstgewerblicher Lehranstalten nahmen die Kgl. Lehr- und
Versuchs Werkstätten in Stuttgart eine hervorragende Stelle ein. Ihre Arbeiten
fanden bei der Berliner Kritik allgemeine Anerkennung. Die ,,Voss. Ztg." z. B. schreibt
darüber: Aus Stuttgart werden Schülerarbeiten vorgeführt, die durch besondere
Eleganz und feinste Materialbehandlung Freude machen. Die feinsinnige Leitung
Professor Pankoks läßt hier in Drechselwerken, Schmuck- und Metallgefäßen Geschmack-
dinge entstehen, die zugleich nützlich und gefällig sind, und immer weiß ein malerischer
Blick auch rechte Materialauswahl zu treffen.

4. April. Im Verein für Kunst und Altertum zu Ulm legte Stadtbaumeister Romann
die fertiggestellten Entwürfe nebst einem vom städtischen Hochbauamt gefertigten
Modell des restaurierten Schwör-Hauses vor, wobei betont wurde, daß es sich nur
um Erneuerung des durch Ueberreste und Abbildungen bezeugten Altan handle. Unter
der zahlreichen Versammlung befanden sich nicht wenige Architekten, die über die
Pläne ein sachkundiges Urteil abzugeben vermochten, dieses Urteil fiel durchaus
günstig aus; nur mit Bezug auf den seit dem Brand vom Jahre 1784 verschwundenen
und als völlig neu herzustellenden Erker, d. h. über die Anordnung der Säulen am
Baldachin, gingen die Ansichten auseinander.

Das Städtch en Möckmühl weist, so wird der ,,Schw. Chr." am 8. April geschrieben,
neben der von dem verstorbenen General v. Alvensleben neuerstellten Götzenburg
mit dem massigen mittelalterlichen Bergfried und den noch ziemlich gut erhaltenen
Basteien und Stadtmauern noch manches Stück aus alter Zeit auf, das der Erhaltung
und Wiederherstellung würdig wäre. Davon überzeugte sich auch der Landes-
konservator Professor Dr. Gradmann, als er neulich hier weilte. Zwar ist die auf
loading ...