Mitteilungen des Württembergischen Kunstgewerbevereins — 1908-1909

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HUGO EBERHARDT.

Als der literarische Kampf um die Erneuerung der Baukunst
in Deutschland einsetzte, früher als die Praxis, da stellte sich die
Logik gegen die Phantasie. In der Architektur war ein ver-
bildetes oder halbgebildetes „ Künstlertum" eingerissen, das mit
den Vorlageblättern baugewerklicher Leitfaden eine schwung-
volle Fassadenwirtschaft betrieb, Dächer mit Türmen zustutzte,
um Fenster und Türen den erfinderischen Stift wirbeln ließ. Da-
gegen erhob sich die Logik, die Empfindung der Zweckmäßigkeit,
die Einsicht, daß das Häuserbauen nicht eine Angelegenheit von
Künstlerlaunen ist, sondern die Forderung sozialer und wirtschaft-
licher Notwendigkeit. Man soll in den Häusern wohnen, arbeiten,
lernen können. Darauf kommt es an. Der Grundriß lobt den
Meister!

Als man so den Baukünstler zu dem überlegenden rechnenden
Raumingenieur herabzog, stellte man ihn wie Antäus auf den
Boden, von dem er seine Kraft nimmt. Die Ernüchterung machte
ihn stark. Und aus der Klärung quillt eine neue Fülle der
Schönheit. Das ist das Wunderbare, dessen wir vor Bauten
der neuen Gesinnung gewahr werden, daß sie an wahrer schöpfe-
rischer Phantasie reicher sind, als die jener Zeit, die den Zweck
liegen ließ, um Geld, Erfindung und Arbeit einzig auf „Schönheit"
und Schmuck zu werfen.

Freilich, es kommt nicht bloß auf die Gesinnung an, sondern
auf den Mann, der in ihr arbeitet. Es ist erfreulich, wenn der
Durchschnittsbaumeister dem gerecht wird, was die Gemeinschaft
verständiger und empfindsamer Menschen über diese Dinge heute
erwartet. Aber um sich mit Taten in die Geschichte der Bau-
kunst einzuzeichnen, dazu bedarf es mehr als der Kenntnisse
und des guten Willens: einer künstlerischen Gestaltungskraft,
eines sicheren Geschmackes und der Fähigkeit, die gesuchte
Architektur im Landschaftsbild zu sehen.

An den Arbeiten von Hugo Eberhardt ist dies zu bewundern,
daß sie sinnvoll, sachlich und logisch, und zugleich doch durchaus
Zeugnis einer ganz bestimmten persönlichen Anschauung und Er-
findung sind. Er hat zahlreiche Schulen und Landhäuser ent-
worfen und auch ausführen können; aber das ergab für ihn
keine Normalform Schule oder Villa, die man nun so oder so
variieren kann, sondern er holt aus einer sachlichen Vertiefung
in die Einzelaufgabe, aus einer Berücksichtigung von Terrain
und Umgebung immer einen neuen überraschenden und dabei
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