Steffen, ... [Editor]; Lolling, Habbo G. [Editor]
Karten von Mykenai (nebst einem Anhange Über die Kontoporeia und das mykenisch-korinthische Bergland) (Text): Erläuternder Text mit Übersichtskarte von Argolis — Berlin, 1884

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Strategische Lage von Mykenai.

Treffend hat Curtius die Lage von Mykenai mit der von Dekeleia verglichen. Wie letzteres
zum Stützpunkte einer feindlichen Macht gegen Athen verwandt werden konnte, so Mykenai gegen die
arge'ische Ebene. Beide sollten das Debouchiren der Streitkräfte aus engen Gebirgsschluchten in die
freie Ebene sichern. Soll eine solche Aufgabe von einer befestigten Stellung aus gelöst werden, so
darf diese letztere nicht auf der Passhöhe, sondern sie muss vorwärts derselben an dem dem Feinde
zugewandten Hange angelegt sein, damit unter ihrem Schutze Entwickelung und Aufmarsch der Streit-
kräfte stattfinden kann. Nimmt man für Mykenai Korinth, d. h. den Isthmos, als die Operationsbasis
einer gegen Argos vordringenden Macht an, so konnte diese auf verschiedenen Wegen über das Treton-
Gebirge und seine südöstliche Fortsetzung in die Ebene von Argos debouchiren. Drei Richtungen sind
solchem Vordringen von der Natur vorgezeichnet.

Die westlichste derselben folgte dem Wege über das Treton-Gebirge. Derselbe führte, Akro-
korinth zur Linken lassend, über Kleonai das Thal des Longopotamos hinauf, aus welchem er über eine
verhältnissmäfsig niedrige Passhöhe nach Aufnahme der Strafse von Nemea in das Thal des Dervenaki-
Baches niedersteigt. Dies war der von Pausanias als die bequemste Fahrstrafse von Korinth nach
Argos bezeichnete Weg.

Von Kleonai aus konnte man in südöstlicher Richtung direct in die Schlucht von Hagios-Va-
silios eintreten, d. h. in die zweite der von der Natur vorgezeichneten Anmarschrichtungen. Allein der
Aufstieg bei Hagios-Vasilios ist so steil, dafs hier die Annahme einer antiken Fahrstrafse unzulässig ist.

Pausanias berichtet daher auch nur von einem Pfade für leichtgeschürzte Fufsgänger als dem
näheren der beiden von Kleonai nach Argos führenden Wege. Dieser Weg konnte sich in seinem
weiteren Verlaufe, der Hauptrichtung der Schlucht folgend, in das Thalbecken von Berbati wenden, um
durch die Klisura, — jene Engschlucht, welche den Elias Berbatiotikos von dem Gebirgszuge von Limnäs
trennt, — die Ebene zu erreichen.

Dies wäre aber ein grofser Umweg gewesen. Sollte er wirklich der kürzere Weg sein, so
musste er zwischen dem Treton und dem Prophet-Elias-Berge hindurch in die Ebene münden.

Die dritte von der Natur g'egebene Wegeverbindung zwischen Korinth und Argos lässt Akro-
korinth zur Rechten und tritt über Chiliomodi bei Kleniäs in das Gebirge ein, führt die Schlucht von
Hagionori hinauf und mündet, das Thal von Berbati hinabsteigend, durch die Klisura in die arge'ische Ebene.
Dieser Richtung folgte vermuthlich die von den Alten mit dem Namen Kontoporeia bezeichnete Strafse*).

Von den durch diese drei Anmarschrichtungen gegebenen drei Operationslinien haben nun die
Alten diejenige gewählt, welche auch die moderne Kriegskunst in der Lehre von der Operation auf der
inneren Linie als die strategisch günstigste bezeichnet, d. h. sie wählten für die Anlage von Mykenai das
mittlere der drei Hauptdeboucheen, mit welchen das Gebirge sich gegen die Inachos-Ebene öffnet.

Die gerade Linie von Korinth nach Argos geht nahe an dem Burgfelsen von Mykenai vorüber.
Von dem Austritte der westlichen Strafse aus dem Gebirge liegt Mykenai ca. 5 Kilometer, von der
Klisura ca. 7 Kilometer entfernt, blieb beiden also nahe genug, um einem Versuche seiner Umgehung
von Argos her offensiv entgegentreten zu können. Eine starke Befestigungs - Anlage an dem mittleren
der drei Deboucheen sicherte also bei nur einiger Offensivkraft der auf dieselbe sich stützenden Streit-
macht zugleich auch die beiden anderen Deboucheen.

Für die Defensive aber hatte die Natur alles gethan, die Behauptung dieser beiden auf den
Flügeln gelegenen Gebirgsstrafsen gegen einen von Argos vordringenden Gegner zu erleichtern, da die
Klisura wie das obere Thal des Dervenaki-Baches enge Gebirgsdefileen mit steilen Felswänden bilden,
deren vollkommene Sperrung durch kleinere Festungsanlagen zu erreichen war.

Berücksichtigt man nun ferner, dass in der Gegend des jetzigen Chani, also unmittelbar am Fufse
des Mykenischen Höhenrückens im Alterthum eine ähnliche Kreuzung von Hauptstraßen stattfinden
musste wie gegenwärtig, so erscheint die Lage von Mykenai in strategischer Beziehung aufserordentlich
günstig und an der wirksamsten Stelle gewählt.

*) Siehe den Anhang von Dr. H. Lolling.
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