Steffen, ... [Editor]; Lolling, Habbo G. [Editor]
Karten von Mykenai (nebst einem Anhange Über die Kontoporeia und das mykenisch-korinthische Bergland) (Text): Erläuternder Text mit Übersichtskarte von Argolis — Berlin, 1884

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ihn zeigen, da beide Ringmauern im übrigen ursprünglich genau nach denselben Principien erbaut
worden sind. Da aber polygonale und oblonge Mauerbekleidung an der Tirynthischen Mauer ganz
fehlt, so ist dies ein Beweis, dass dieser Baustyl erst einer späteren Epoche angehörte, in welcher
neben dem militärischen Bedürfniss der gröfseren Widerstandsfähigkeit zugleich das Bestreben nach
monumentaler Prachtentfaltung hervortrat. In dieser späteren Epoche aber hatte Tiryns bereits
seine ursprüngliche Bedeutung verloren. Seinen Mauern wurde der Ausbau nicht zu Theil, welchen
man mit der Ringmauer von Mykenai vornahm. Da nun auch die Thürme der früher erwähnten
detachirten Befestigungsanlagen zum gröfseren Theil aus grofsen oblongen oder polygonalen behauenen
Blöcken, also im Style dieser zweiten Epoche erbaut gewesen sind, so ist die Annahme berechtigt, dass
auch diese detachirten Passbefestigungen erst zur Zeit der Pelopiden errichtet wurden, dass also erst in
dieser zweiten Epoche dem Mykenischen Befestigungssystem jene offensive Tendenz gegeben wurde, deren
Zusammenhang mit der Basis des Isthmus in der einleitenden Betrachtung entwickelt wurde. Zwischen
den Kuppelgräbern der Unterstadt von Mykenai, dem Milioti-Pyrgos, den Hochstrafsen und den Mauer-
bekleidungen an den Thoren der Akropolis besteht in der That eine auch aus den Trümmern noch zu
uns sprechende Verwandtschaft der Grofsartigkeit, welche der Homerischen Darstellung von der Glanz-
zeit der Pelopiden vollauf entspricht.

Das Material für die Mauern von Tiryns und Mykenai.

Das Material, aus welchem die Mauern von Tiryns und der bei weitem gröfste Theil der
Mykenischen Ringmauer bestehen, ist harter Kalkstein von grauer Farbe, das hauptsächlichste Ge-
stein der Felsengebirge von Argolis. Daneben kommt bei Mykenai ein grobkörniger Conglomerat-
stein (Breccia) vor. Dieser hat hauptsächlich für die oblongen und auch für einen Theil der
polygonalen Blöcke Anwendung gefunden, während die unbehauenen Blöcke des kyklopischen Mauer-
werks fast durchweg aus Kalkstein bestehen. Der Conglomeratstein ist entweder von g-rauer oder
gelblicher Farbe. Steinbrüche finden sich in der Umgegend von Mykenai nicht so zahlreich, als die
Massenverhältnisse der Mauern dies erwarten liefsen. Der Grund liegt in der Methode des Bruches
unbehauener Felsstücke. Man brach den Stein in unregelmäfsigen Formen von den Berghängen, oft-
mals von dem Felsboden der Baustelle selbst unter Ausnutzung der natürlichen Lagerung in Schichten
ab, ohne dass hierbei jetzt noch nachweisbare Bruchspuren zurückblieben. Erst als man anfing, mit
behauenen Blöcken zu bauen, trieb man diese in geraden Flächen von den Felswänden, der antiken
Bruchmethode gemäfs mit Keilen ab. Die nachweisbaren antiken Brüche von Mykenai haben daher
für die Lieferung der grofsen oblongen und der polygonalen Blöcke gedient. Der hauptsächlichste
Bruch für die graue Breccia scheint die Felsrinde gewesen zu sein, auf der das Dorf Charväti erbaut
ist. Innerhalb und unmittelbar aufserhalb des Dorfes befinden sich zahlreiche Felsausschnitte, welche
auf den Bruch der grofsen oblongen Blöcke schliefsen lassen. Die gelbe Breccia kommt in der
Nähe von Mykenai namentlich auf verschiedenen Stellen am Fufse des Prophet-Elias-Berges vor. An
den Hängen Palaeogälaro und Patimata sind antike Steinbrüche nachweisbar. Der Hauptbruch für die
behauenen Blöcke aus grauem Kalkstein scheint sich an der Batsuri-Rachi befunden zu haben, deren
westlicher Felshang zahlreiche Spuren antiken Bruches aufweist. Das Gestein dieses Bruches ist von
hellgrauer Farbe; auch weiter östlich am Anfange des Plakäs-Baches südlich des Kapsala-Hanges
zeigen die Felsenhänge des Elias-Berges einen ähnlichen Kalkstein. An diesen Stellen müsste die
geologische Forschung einsetzen, um in einem Vergleich dieses Gesteines mit dem Block, aus welchem
das Löwenrelief von Mykenai gefertigt ist, die für die Geschichte der Burg so wichtige Frage zu
lösen, ob dieser monumentale Schmuck des Löwenthors aus einheimischem oder importirtem Gestein
gearbeitet ist. Der Farbe nach ist das Relief etwas heller als der Kalkstein an den erwähnten
Felshängen.
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