Steffen, ... [Editor]; Lolling, Habbo G. [Editor]
Karten von Mykenai (nebst einem Anhange Über die Kontoporeia und das mykenisch-korinthische Bergland) (Text): Erläuternder Text mit Übersichtskarte von Argolis — Berlin, 1884

Page: 33
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Die kyklopischen Wohnräume der unteren Terrasse, und die muthmafs-

liche Lage des Atridenpalastes.

Wie der ausgegrabene Theil der unteren Burgterras.se bekundet, war dieselbe dicht gedrängt
mit Wohnräumen besetzt. An der Erdwand, welche die Schliemann'sche Ausgrabung im Süden be-
grenzt, erkennt man, dass die kyklopischen Fundamentmauern sich noch weiter südwärts in dem noch
nicht ausgegrabenen Theile der unteren Terrasse fortsetzen. Der Boden der Terrasse scheint allmählig
nach Südosten zu angestiegen zu sein; denn an der Südostspitze der Burg- treten Reste einer ver-
muthlich antiken Wasserleitung- schon nahe der gegenwärtigen Erdoberfläche zu Tage.

Angesichts der Bedeutung, welche die untere Burgterrasse für die geschützte Unterbringung
einer gröfseren Besatzung hatte, müssen wir einnehmen, dass auch in der heroischen Zeit hier bereits
eine dichte Anordnung von Wohnräumen vorhanden war. Ob aber die durch die Schliemann'sche
Ausgrabung freigelegten kyklopischen Fundamentmauern in ihrer gegenwärtigen Gestalt bereits jener
Epoche angehörten, erscheint trotz der innerhalb derselben aufgefundenen Topfscherben, welche auf die
älteste Zeit von Mykenai hinweisen, zweifelhaft. Dass Ausbesserungen einer späteren Zeit an diesen
Fundamentmauern stattgefunden haben, beweisen die verschiedenen, an den Ecken der kyklopischen
Mauern eingefügten Architecturtheile, welche den Eindruck machen, als seien sie an anderen Stellen
abgebrochen und hierher verschleppt worden. Besonders auffällig tritt dies an der Südostecke des
südlich vom Eöwenthor gelegenen Hauses und an der Südostecke des im Süden des Plattenringes be-
findlichen Gebäudes hervor. An letzterer Stelle sind bearbeitete Blöcke mit sorgfältig eingeschnittenen
Zapfenlöchern verbaut worden. Dieselben sind schwerlich von vorn herein für diese Stelle beabsichtig-t
gewesen und lassen die Vermuthung zu, dass sie erst nach Zerstörung- der Burg durch die Argeier
hier als Ecksteine Verwendung fanden. Diese sowie andere innerhalb der Akropolis noch vorhandene
Architecturtheile geben in Verbindung mit den im kleinen Museum von Charvati befindlichen Resten
der Vermuthung Raum, dass sich in Nähe der Gräber einstmals ein Heiligthum oder ein kleiner Tempel
befunden hat.

Wer mit den Vorstellungen von der Erhabenheit der heroischen Zeit, welche die Gesänge
Homer's erwecken und welche in den Kuppelgräbern der Unterstadt, sowie in den Thoranlagen der
Akropolis vollauf ihre Bestätigung- finden, die Burg betritt, dem fällt es schwer, in diesen freigelegten
Fundamentmaueni der unteren Terrasse Bauten jener grofsen Epoche, geschweige denn den Unterbau
für den Atriden-Palast zu suchen. Nicht die Anfänge, wie Thukydides meint, sondern den Abschluss
einer vielhundertjährigen Cultur, eine in ihrer Art bereits hoch entwickelte Architectur, muss man in
diesen Kuppelg'räbern und Thoranlagen, in den Mauerbekleidungen der Burg, in den detachirten Be-
festigung'sthürmen und den Ilochstrafsen erkennen. Die auf der unteren Terrasse freigelegten Fundament-
mauern indessen lassen wenig von jener Architectur hervortreten. Nur die südwestliche Stützmauer von dem
südlich des Eöwenthors gelegenen Hause ist in dem solideren kyklopischen Styl der Ringmauer auf-
geschichtet. Dag-egen zeigen sich an anderen Stellen noch Architecturreste, welche nach Alaterial und
Technik ihre Zusammengehörigkeit mit der heroischen Epoche bekunden. Namentlich sind auf der
Gipfelfläche der Burg Bausteine dieser Art, zum Theil noch in situ, vorhanden. Diese sowie die grofse
kyklopische Terrassenmauer daselbst und die südlich davon gelegenen kyklopischen Grundmauerreste
berechtigen zu der Annahme, dass, — wenn irgendwo, — hier auf der Gipfelfläche des Burgfelsens der
Palast der Atriden gestanden habe.

Abschnitts- und Stützmauern.

Auch die militärische Rücksicht der gröfseren Sicherheit scheint dafür zu sprechen, dass wir
den fürstlichen Wohnsitz hier und nicht auf der unteren Terrasse in so unmittelbarer Nähe der Ring-
mauer zu suchen haben. Wie in Tiryns zeigt sich auch bei der Akropolis von Mykenai das einstige
Vorhandensein innerer Abschnitte. In Tiryns ist noch ein innerer Thorverschluss zwischen der Ring--
mauer und der Abschnittsmauer erkennbar.

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