Steffen, ... [Editor]; Lolling, Habbo G. [Editor]
Karten von Mykenai (nebst einem Anhange Über die Kontoporeia und das mykenisch-korinthische Bergland) (Text): Erläuternder Text mit Übersichtskarte von Argolis — Berlin, 1884

Page: 27
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Die den Tirynthern von der Ueberlieferung zugeschriebene Erfindung des Thurmbaues scheint
dafür zu sprechen, dass wir auch auf der Tirynthischen Mauer Thurmerhebungen im Alterthume zu
suchen haben, wenn auch gegenwärtig directe Spuren derselben nicht mehr mit Sicherheit nachweisbar
sind. Indessen scheinen die Mauerzüge, welche auf der Westmauer von Tiryns senkrecht zu deren
Längsrichtung erkennbar sind, den Brüstungsmauern solcher Thürme angehört zu haben. Vorzugsweise
sind diese Thürme auf den den Thorzugängen zugewandten Stellen der Mauer anzunehmen, woselbst
eine Verstärkung besonders geboten war. Das wohlerhaltene der Thorrampe zugekehrte, besonders
hohe Stück der Ostmauer von Tiryns scheint ebenfalls ein solcher Thurm gewesen zu sein. —

Die Verteidigung dieser Thürme haben wir in der Weise zu denken, dass die Bogenschützen,
welche nur bis zur Brusthöhe durch die Umfassungsmauer geschützt waren, direct auf der Plattform
des Thurmes, oder auf einem Banket stehend, ihre Geschosse über die Brüstungsmauer hinweg ab-
gaben. Der grofse polygonale Thurm, welcher sich in der Akropolis von Mykenai befindet, lässt noch
die breiten Quadern der Plattform und Reste der Brüstungsmauer erkennen. Die Wasserabflüsse an
den Seitenwänden des Milioti-Pyrgos weisen darauf hin, dass die Thürme oben offen waren, und der
Fernwaffeng-ebrauch über die Brüstungsmauer hinweg stattfand.

Hohlräume in den Mauern.

Neben den spitzbogenförmig'en Galerien zeigen sich noch andere Hohlräume in der Tirynthischen
und Mykenischen Mauer. — In der Ostmauer von Tiryns befindet sich ein rechteckiger Ausschnitt des
inneren Mauertheils. Wir haben uns denselben ursprünglich überdacht vorzustellen. Vielleicht bildete
dieser Hohlraum einst die untere Etage eines hohlen Thurmes, welcher hier in unmittelbarer Nähe
des Rampenanhanges von besonderer Wichtigkeit war.

In der Mykenischen Mauer zeigt sich unmittelbar neben dem Löwenthor ein Hohlraum, welcher
nach oben hin durch grofse Deckplatten abgeschlossen ist. Bankartige Vorsprünge beengen diesen
Raum derartig, dass er unten nur 1,4 m lang und 1,35 m breit ist. Nach oben vergröfsern sich die
Mafse auf 2,53 und 2 m. Die Höhe des Raumes beträgt 1,45 m, die des Eing-anges nur 1,05 m. Die
Anbringung dieses Hohlraumes zwischen dem Löwenthor und dem zweiten (inneren) Thorverschluss
weist auf seinen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Thore hin, — wenngleich die kleinen Dimen-
sionen des Raumes die Annahme, dass derselbe einst zur Aufnahme von Personal bestimmt gewesen
sei, zweifelhaft erscheinen lassen.

Die Grundrissführung der Ringmauern von Tiryns und Mykenai.

Die Grundrissführung beider Ringmauern ist ohne systematische Anwendung eines Flankirungs-
princips, dessen Anfänge erst die zweite Bauepoche von Mykenai hervortreten lässt, ursprünglich nur
durch die Richtung des Felsenrandes, bis zu welchem der äufsere Fufs der Mauer vorgeschoben wurde,
bestimmt gewesen. Auf diese Weise ergab sich von selbst ein System ein- und ausspringender
Winkel oder Bogen, und es ist zu sehr eine Forderung des gesunden Menschenverstandes, eine Linie
durch die andere zu fiankiren, als dass wir nicht auch die gelegentliche Ausnutzung dieses Princips für die
Mauervertheidigung der heroischenZeit annehmen sollten.

Die Führung der äufseren Linie an der Mykenischen Mauer
MvlfPTVli *ässt auch an einer Stelle, wo kein Ausbau der späteren Epoche

stattgefunden hat, keinen Zweifel darüber, dass diese Flankirung
izzJL^en i«„ t ,*,"". nf ^ angewandt wurde. So ist ca. 25 m westlich des kleinen Nord-

^üf ^~"—~a / ___±_____-^%. ^ thors von Mykenai die äufsere Mauerhme mit Absichtlichkeit

^^ÜH ...-—^-—r^tr^^^^^---^ unter einem rechten Winkel gebrochen, ohne dass die Terrainform
^—_^• : dazu genöthigt hätte. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass
dies nur in der Absicht geschah, den Mauerarm mit dem Thurm
nördlich des Burgaufganges zu fiankiren.

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