Steffen, ... [Editor]; Lolling, Habbo G. [Editor]
Karten von Mykenai (nebst einem Anhange Über die Kontoporeia und das mykenisch-korinthische Bergland) (Text): Erläuternder Text mit Übersichtskarte von Argolis — Berlin, 1884

Page: 42
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zu den geheimen Opfern" darauf schliefsen zu lassen, dass dies Wasser nicht sehr entfernt vom Heraion
geflossen sein kann. Diese Verwendung des Eleutherion-Wassers für den Tempeldienst scheint nun zur
Ansetzung des Eleutherion in unmittelbarer Nähe des Tempels die Veranlassung gewesen zu sein.

Wäre in dem Revma-tu-Kastru nun wirklich das Eleutherion der Alten zu suchen, so müsste
sich daselbst doch mindestens die Spur einer Quelle oder eines antiken Brunnens nnchweisen lassen.
Quellen sind in diesem aufsergewöhnlich wasserarmen Berglande zu allen Zeiten von gleich grofser
Bedeutung gewesen. Es wäre eine Ausnahme von der Regel, wenn die Quelle im Laufe der Jahr-
hunderte versiegt wäre. Das Revma-tu-Kastru aber hat ebenso wenig Quellwasser wie der Glykia-
Bach. Es gehört ebenfalls zu jenen griechischen Revmata, welche nur im Winter nach starken Regen-
güssen fliefsendes Wasser haben. Das felsige Ravin ist im Alterthum jedenfalls unbedeutender g'ewesen,
als jetzt; und hätten wir in demselben einstmals fliefsendes Wasser anzunehmen, so müsste der Abfiuss
desselben an den Kniestellen wenigstens geregelt gewesen sein. Das ist aber, wie die unmittelbar am
linken Ufer laufende Peribolos-Mauer beweist, nicht der Fall gewesen. Im Laufe der Jahrhunderte erst
hat sich um diese Mauerecke herum das Regenwasser den Weg gesucht, und sie fortgerissen.

Auch ein anderer Grund scheint dafür zu sprechen, dass wir in dem Ravin des Revma-tu-Kastru
keine antike Brunnenanlage zu suchen haben. Derselbe ist in den zahlreichen Cisternen auf dem linken
Ufer des Baches innerhalb und unterhalb des Tempelbezirks zu suchen. Hier befindet sich zunächst
innerhalb der Heraion-Mauern eine grofse kreuzförmige Cisterne. Weiter unterhalb, ca. 200 Meter vom
Tempel entfernt, ist eine Gruppe von vier anderen Cisternen erkennbar. Unmittelbar oberhalb derselben
zeigen sich zwei zu ihnen gehörige in den Felsen gearbeitete, und vermuthlich für den Einfluss des
Regenwassers bestimmte Cisterneneingänge. Noch weiter unterhalb befindet sich unmittelbar an dem
rechten Uferrande des Revma-tu-Kastru eine in den Felsen gearbeitete Cisterne, deren innere Wandung
Stufeneinschnitte erkennen lässt. —

Es ist nicht anzunehmen, dass diese für die Aufbewahrung herbeigetragenen, oder nach Regen-
güssen gesammelten Wassers bestimmten Cisterne n-Anlagen, deren Hauptgruppe 200 Meter von der
Südmauer des Tempels entfernt liegt, nothwendig gewesen wären, wenn unmittelbar neben der west-
lichen Peribolos-Mauer des Tempels am Wege von Mykenai die viel nähere Kynadra-Krene floss.
Die Aufnahme schloss sich daher der von Lolling zuerst ausgesprochenen Ansicht an, dass wir in dem
Revma-tu-Kastru nicht das Eleutherion der Alten zu suchen, dasselbe vielmehr an einer andern Stelle
des Weges von Mykenai zum Heraion anzusetzen haben und zwar in der unmittelbar östlich der Ruinen
von Vraserka gelegenen Schlucht, aus welcher der rechte Arm des wasserreichen Sykia-Baches zur
Ebene hinfiiefst. —Hier befindet sich ca. 1100 Meter vom Heraion entfernt und wenige Schritte oberhalb
der Stelle, an welcher die Heraion-Strafse das Ravin vermuthlich überschritten hat, unweit der Panagia-
Kapelle ein modernes Wasserbassin, aus welchem das den Hirten dienende Tränkwasser zum Sykia-
Bache abfiiefst. Das neue Bassin selber aber empfängt seine Speisung aus einer oberhalb gelegenen
in Brunnenform gefassten Quelle. Die wohlerhaltene aus grofsen schönen Marmorquadern bestehende
Wandung des Quellbrunnens und die herumliegenden Marmorstücke zeigen, dass wir hier eine antike
Brunnenanlage zu suchen haben.

An drei schmalen Streifen des darüber liegenden rauhen Felshanges finden sich aufserdem ein-
und mehrtheilige kyklopische Häuserruinen in ziemlich grofser Anzahl. Es liegt die Vermuthung nahe,
dass diese Wohnräume zum Heraion gehörten und dem Tempelpersonal sowie den Freigelassenen zur
zeitweiligen Wohnung dienten. In der frischen wasserreichen Quelle bei der Panagia-Kapelle aber dürfen
wir das Eleutherion erkennen, dessen specieller Name Kynadra lautete. —

Steffen

Hauptmann und Batteriechef
im Hessischen Feld-Artillerie-Regiment Nr. 11.
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