Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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72 WALTHER SCHMIED-KOWARZIK.

und Geräte, handwerklich gefertigten Hausrat und maschinerzeugte
Werkzeuge, deren Anblick echte ästhetische Gefühle auslöst, obwohl
sie zugleich praktische Zwecke erfüllen, obwohl sie als wirkliche Dinge
aufgefaßt werden, die einem wirklichen Gebrauch dienen.

Von diesem Faktum der zweckgebundenen Kunst gehen wir aus
und fragen, wie sind diese ästhetischen Wirkungen möglich, was ist
das Ästhetische in der zweckgebundenen Kunst?

Man könnte versuchen, die eingangs zitierte Definition (Kunst sei
Spiel) festzuhalten und dem Widerspruch von Zweck und Spiel da-
durch zu entgehen, daß man innerhalb des tektonischen Werks zwei
Teile unterscheidet, einen der Zweckerfüllung gewidmeten, und einen
anderen, der Spiel und Schein ist. Zweckkunst wäre sozusagen die
Summe: Zweck plus Kunst (Spiel).

In der Tat lassen sich in jedem tektonischen Gebilde Teile be-
zeichnen, die das Ganze tragen und halten und den Zweck erfüllen,
und andere Teile, die vom Zweck nicht notwendig gefordert sind, näm-
lich: Konstruktion und Dekoration, zweckerfüllende Bauform und
»überflüssige« Schmuckform. Zur Konstruktion gehören die Grund-
mauern, Wände, Pfeiler, das Dach usf., zur Dekoration die Ornamente,
Friese, Pilaster, die Statuen in den Nischen und auf den Dächern, die
Obelisken, Fialen, Wimperge usf. Die Aufgabe der Zweckerfüllung
ist auf die Konstruktion beschränkt; die Dekoration als solche ist
zweckfrei und daher Spiel, sie entstammt einem Überströmen der Kraft
über das Zwecknotwendige.

Wir können in einem Werk der unfreien Kunst das rein deko-
rative Beiwerk von dem konstruktiven Gebilde ablösen, ohne Zweck-
erfüllung und Zusammenhalt des Ganzen zu beeinträchtigen. So lassen
sich die Reliefmetopen, die Akroterien und Palmetten, die Kreuzblumen
und Krabben, die Wimperge, Dachballustraden und Obelisken entfer-
nen, ohne dadurch das Gebäude in Einsturzgefahr zu bringen.

Die Lehre, daß das Ästhetische in den tektonischen Künsten
Dekoration und nur Dekoration sei, ist des öfteren vertreten worden,
so z. B. von M. Hoernes, der in seiner »Urgeschichte der Kunst« bei
der Einteilung der Künste der freien Bildnerei den »Gerätschmuck«
gegenüberstellt. Auch I. v. Kirchmann kann hierher gezählt werden,
der alles Schöne als »Bild« erklärte (Ästhetik I, 49) und daher neben
dem »Naturschönen« und dem »Kunstschönen« (d. h. der freien Kunst,
die nach Kirchmann allein Kunst ist) nur ein »verzierendes Schönes«
anerkannte (I, 39—44): dieses »schmiegt sich nur einem Realen an,
was um realer Zwecke willen für die reale Welt gebildet wird« (II, 338).
Wenn Dekoration oder Schmuckform ein Teilgebilde sein soll,
das selbst keinerlei konstruktive Funktion hat und darum aus dem
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