Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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82 WALTHER SCHMIED-KOWARZIK.

erfüllung, ist kein Gebilde der freien Kunst, wohl aber ein Gebilde
der Kunst überhaupt, des künstlerisch veredelten Gewerbes. Die Werk-
form ist die am engsten der Zweckforderung angeschmiegte Kunst-
leistung. Sie sollte in Ästhetiken und Kunstgeschichtswerken nicht
übersehen, nicht als Aschenbrödel behandelt werden. Die Volkskunst,
der traditionelle schlichte Bauernhausbau, die altererbte Geräteherstel-
lung, aber auch der moderne Ingenieur- und Maschinenbau, sind nicht
nur in ihren Ornamenten, sondern vor allem in der Proportionierung
ihrer Konstruktion Objekte der Kunstgeschichte, die nicht vernachlässigt
werden dürfen. Die Kunstgeschichte darf nicht bloß auf die Monu-
mentalarchitektur und das Prunkgerät beschränkt werden. Das be-
deutete eine Verengung des Gesichtskreises, eine Ausschaltung wich-
tiger ästhetischer Werke und damit eine geistige Verarmung.

Wir dürfen uns durch die oft wiederholten Definitionen: »das
Ästhetische (die Kunst) ist Spiel und Schein« nicht verführen lassen.
Spiel und Schein sind charakteristische, aber nicht konstitutive Bestim-
mungen der freien Kunst und der damit verwandten Spielgestaltung
in der Tektonik. Das Wesen des Ästhetischen überhaupt aber ist
und bleibt Gestaltung.
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