Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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84 AUGUST SCHMARSOW.

gehört zur Selbstgestaltung, also zum Ausdrucksleben, das sich ver-
sinnlicht und in seinen äußeren Erfolgen wieder selbst bespiegelt, sich
also auch zu abenteuerlichen Einfällen steigern mag. Die Ornamentik
der Körperbewegungen, die sich mit der Mimik aufs innigste verquickt,
ist nichts anderes als der Ausfluß der Selbstbewertung, die ein er-
probtes Glied des eigenen Leibes bevorzugt und gebührend aus-
zeichnet, indem sie solchen Besitz mit greller Farbe bemalt oder mit
augenfälligen Sinnesreizen sonst behängt, die wohlbekannte Jagdtiere
des Waldes oder aus der Luft herabgeschossenes Gefieder hergeben
müssen, ja schließlich die ganze erreichbare Umwelt beizusteuern hat.
Bei Maskentänzen in Tierverkleidung gesellt sich dem Spiel noch der
Totemismus und magischer Zauberwahn hinzu, von denen wir absehen
wollen. Doch schon die Betätigung der Glieder als brauchbare Werk-
zeuge des Lebens nimmt die Ornamentik als Wertbezeichnung in sich
auf, und dies geschieht, wie wir uns gesagt haben, zunächst unbe-
wußt als rhythmischer Rückschlag schon einer Zweckbewegung, als
Auftakt oder als Nachklang, wie als unwillkürlich eingeschaltete Aus-
drucksbewegung oder unvermerkt zugelassenes Zwischenspiel. Hier
und nirgend anders liegt die Entstehung der »reinen Formen« noch
lebendig vor unseren Augen ausgebreitet, d. h. jenes Linienziehen des
Gefühls, das weder durch Mitteilungsabsicht noch durch irgend eine
andere Zielstrebigkeit aufgegeben wird, durch keinen Inhalt weiter
beschwert ist, sondern nur in sich selber seine Berechtigung trägt.

Solange das schöpferisch erregte Subjekt mit sich selber allein
bleibt, kommt es ihm kaum noch darauf an, ob die Ausströmungen
seines inneren Lebens, im engsten Umkreis schon, kaum geboren,
wieder verschwinden, oder ob im feuchten Boden seine Füße ihre
Spur hinterlassen, seine Finger den zitternden Niederschlag ihrer Be-
rührung irgendwo in die Sandfläche graben. Aber sowie sein eigenes
Auge solche Wahrzeichen bemerkt und wie nachtastend verfolgt, sie
als Ausfluß der soeben erlebten Seelenbewegung durch die zartesten
Glieder hin wiedererkennt, die auch im ruhend ausgestreckten Körper
noch mit vollen Pulsen weiter pocht, so kann es nicht wundernehmen,
wenn sie als sichtbares Zeugnis anerkannt, als verwandte Erscheinung
begrüßt und wie Form vom eigenen Fleisch und Blut, wie ein zu-
gehöriger Bestandteil der Ichgestalt selber aufgenommen und weiter
fortgesetzt, hier bestätigt und bekräftigt, dort vertieft und ergänzt oder
mit neuen Wiederholungen bereichert werden. — Ein andermal greift
der Selbstgestalter, der gerade keinen Farbstoff für die Bestreichung
seiner Schenkel und Arme vorfindet, schon nach den roten Beeren
der Büsche und hängt sich die Dolden, wie sie gewachsen sind, ins
Haar oder um die Ohren, löst wohl gar die einzelnen kugeligen Früchte
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