Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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DIE REINE FORM IN DER ORNAMENTIK ALLER KÜNSTE. 107

merksamkeit sich bestrafen. Wenn die strenge Gotik alle anfangs auf-
gehefteten Eigenwerte pflanzlicher und tierischer Natur beseitigt und so
sorgsam wie folgerichtig aus dem rein struktiven Zusammenhang aus-
scheidet, um diesen im Stab- und Maßwerk allein zum Ausdruck zu
bringen, so verfällt die Renaissance schon bei Ghiberti darauf zurück,
in prächtigen Girlanden auch Blumen und Früchte wie Vögel und
Eichhörnchen hereinzuholen, und kann sich bald mit der ausführlichen
Durchbildung nach der üppigen Vegetation Italiens, bis hinab zu Gurken
und Kürbisformen abenteuerlicher Art kein Genüge tun: von Man-
tegna in Mantua und den Venezianern der Bellinischule bis zu Gio-
vanni da Udine und seinen Genossen in Rafaels Gefolge, sei es in
der Loggia der Farnesina oder in denen des Vatikans. Ganz ebenso,
wie mit diesen strotzenden Prunkstücken, die schon für das Wesen
der Ornamentik viel zu schwer sind und barocke Anwandlungen vor-
ausnehmen, steht es aber auch mit der Einschmuggelung geistiger
Eigenwerte durch die sogenannte »symbolische« Ornamentik. »Jedes
Symbol,« sagten wir uns, »vermittelt einen selbständigen Bedeutungs-
wert«, der freilich hinter dem sinnlichen Zeichen liegt, das die ergän-
zende Vorstellung erst auslösen muß und so das mehr poetische als
bildnerische Ganze erst mittelbar zustande bringt. Solche Beladung
mit angehängtem Schmuck aus fremdher aufgelesenen Natur- oder
Geisteswerten ist also nur ein Rückfall in die primitiven Behelfe mit
roten Beeren und selbstleuchtenden Perlen oder die Verkleidungslust.
»Jedes Ornament aber ist eine Wertbezeichnung«, und dient der ver-
mittelnden, empfehlenden, hervorhebenden Absicht als solcher desto
unmittelbarer, je weniger es selbst eigenen Wert beansprucht und da-
mit eigenes Interesse auf sich ablenkt. Die Ornamentik mag als ge-
treue Begleiterin der selbstschöpferischen Künste immerhin soweit be-
teiligt werden, daß sie deren darzubietende Werte selbst mit einzu-
kleiden, sogar in die rechte Form zu bringen hilft. Das ist besonders
deutlich in der Musik und Poesie, aber auch ebenso schon in der Mimik
nachweisbar, sowie rhythmisierte Körperbewegungen, also Tanzelemente,
als Lückenbüßer oder Übergangsglieder zwischen den eigentlich mimi-
schen Ausdruckswerten sich eindrängen. Ihre Berechtigung als Hilfen
haben wir ausdrücklich anerkannt, auch v/enn wir sie als Eindring-
linge kennzeichnen, gleich wie das Spiel mit bereicherten und be-
schleunigten Tonfolgen oder gesuchten Kombinationen in der Musik.
Gerade der spielerische Verfolg der Möglichkeiten ist ja oft eher auf
dem Wege zur Entdeckung und Herausläuterung der reinen Form,
als das ernste Ringen mit der Gestaltung der Ausdruckswerte, das
noch mit sich selber genug zu schaffen hat.
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