Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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BEMERKUNGEN. 113

gelegt zu werden, sowie man etwa die alleinige Berücksichtigung »formaler Be-
ziehungen der Teile untereinander« in formalistischem Sinne verstünde, d. h. auch
die mimische Verbindung zwischen den Figuren, die Gebärdensprache der Personen
außer Acht ließe, oder unter die »begrifflichen Beziehungen« rechnete, die als solche
abgelehnt werden. Die innere Motivierung der Kompositionen und ihrer Gesetze,
d. h. die poetische Seite des Zusammenhangs wird in der Reliefkunst, zumal des
christlichen Mittelalters, immer ihre Berechtigung geltend machen. Wenn es schon
»ein Hauptanliegen jeder Komposition ist, die Vielheit ihrer einzelnen Elemente so
zu gliedern, daß dem Auge das Schauen erleichtert wird« (a.a.O. S. 17), — so
spielt hinter dem Auge des fühlenden und denkenden Beschauers schon von selbst
das Bedürfnis des Geistes, d. h. auch im Genüsse der gegliederten Einheit sofort
die unmittelbare Aufnahme der Ausdrucksgestaltung mit, so daß der poetische Inhalt
schon in der Phantasie des empfangenden Subjekts seine Wirkung ausübt und ohne
weiteres dazu zwingt, den ganzen Beziehungsreichtum im Verfolg seiner Erschei-
nung mit zu erleben. Wer in der Komposition »nur eine Seite des Stils* zu sehen
bevorzugt, also in ihr »nichts an sich Bestehendes« anerkennen will, vereinfacht zu-
nächst freilich die Aufgabe zugunsten der formalen Analyse der Bildwerke, wird
aber bei der Rechenschaft über den Stil kaum darauf verzichten, dem seelischen
Ursprung aller Ausdrucksgestaltung nachzulauschen, sondern ihm gewiß, wenn auch
nachträglich, zu seinem Recht zu verhelfen wissen.

Genug, in unserer heutigen Terminologie hat das lateinische Lehnwort
»Komposition« gerade den Vorzug, auch die höheren gegliederten
Einheiten mit zu umspannen, und die Möglichkeit ihrer geistigen Durch-
dringung zu eröffnen. Und hier erst, in den entwickelten Gebilden der darstellen-
den Künste wird es, wie lange schon in Architektur und Musik, die volle Bedeut-
samkeit entfalten, die in seinem zunächst neutralen Sinne als Zusammensetzung
durch den Menschenwillen oder Gefüge von Menschenhand doch schon gegeben liegt.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XVIII.
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