Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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118 BESPRECHUNGEN.

echten Kinde der französischen Romantik vorbehalten. Es ist bezeichnend, daß in
jener Zeit ein Künstler im Alter von 15 Jahren die antike Fabel karikaturistisch be-
handelt hat. Humoristisch ist die Heraklessage schon auf griechischen Vasenbildern
interpretiert; aber der Humor hat Grenzen, verleugnet den Respekt nicht, ist im
übrigen nur Ausdruck einer übermütigen Künstlerlaune. Die heroische Auffassung
blieb gewahrt in den Herkulesdarstellungen der Renaissance und des Barock, natür-
lich auch in den Jahren des Klassizismus. Ob man die nüchtern beschreibenden
Illustrationen der Legende eines H. S. Beham oder die pathetisch schwungvolle Auf-
fassung eines Guido Reni sich ins Gedächtnis ruft, die mythologische Substanz ist
immer erhalten geblieben. Das romantische Empfinden Frankreichs dagegen war
ohne Ehrfurcht vor der antiken Überlieferung. Es faßte den Legendenschatz rein
menschlich auf und hatte wie alle Romantik einen ausgesprochenen Sinn für Komik.
Bezeichnend dafür, wie sich die Taten des Herkules in Dores Kopf zu Bildern um-
setzten, ist die Einführung von Dampfschiffen, Kanonen, zeitgenössischen Physiogno-
mien und Aufschriften in französischer Sprache. Darin manifestiert sich der aus der
Umwelt schöpfende Geist des Romantikers. Bezeichnend ist ferner der schelmische
Karikaturistensinn des jungen Künstlers. Hätte Dore dreißig Jahre später das Thema
aufgegriffen, so hätte er es ganz anders behandelt. Sein Ruhm in den letzten Jahr-
zehnten des vorigen Jahrhunderts beruhte nicht auf diesem Früh werk, nicht auf
seinen Illustrationen zu Münchhausen und Balzac, sondern auf mehr bildmäßig an-
gelegten Blättern, die er für die Bibel und für Dante geschaffen hat Da findet
man in Auffassung und Formensprache jenes Pathos wieder, das die Romantik in
Beziehung zum Barock setzt. Aber man darf nicht vergessen, daß sich aus der
Romantik auch der Realismus entwickelt hat. Dafür sind die Taten des Herkules
von Dore ein Beispiel. Besonders die letzten Blätter tragen ausgesprochen realisti-
schen Charakter, meistens, aber nicht immer, übersonnt mit dem witzigen Humor,
den man am besten als Offenbachisch bezeichnet. Die Ableitung dieser Jugend-
arbeiten von Töpffer, wie Voll und Fraenger es tun, scheint mir unzutreffend, läßt
sich auch wohl kaum belegen. Das junge Wunderkind hatte Töpffer, dessen zeich-
nerischer Stil ein ganz anderer ist, gar nicht nötig. Es ist viel wahrscheinlicher,
daß Dore seinen Stil in der romantischen Atmosphäre Frankreichs selbst gefunden
hat. Was Einzelheiten anbelangt, wie die Auflösung des Konturs, die bewegte Ab-
wechslung von Schwarz und Weiß, das Sprühende und Impressionistische in der
Formgebung, so hatten ihm ja Gericault, Delacroix und andere Meister der Stein-
zeichnung bereits vorgearbeitet. Von ihnen hat er mehr übernommen als gerade
von Töpffer.

Berlin. Otto Grautoff.

E. u.J. de Goncourt, Die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts. 2 Bände.
Mit vielen Abbildungen. Hyperionverlag, München 1921.
Über Ursprung und eigentliche Gestalt des Werkes vermag ich ebensowenig
Auskunft zu geben wie über die Personen der Verdeutscher (denn offenbar sind es
zwei). Auch kann ich zu dem kunstgeschichtlichen Wert des Buches nicht Stellung
nehmen. Aber es ist ja wohl ganz in Ordnung, daß ein Dilettant sich zu den Gon-
courts äußert und von ihnen sagt: sie gefallen nur, weil sie ihr Wissen und ihre
Gewissenhaftigkeit in so liebenswürdiger Weise verbergen. Ich freue mich an ihrer
Kunst, Biographisches und Sachliches miteinander zu verweben, viele Bilder zu einer
Gesamtschilderung zusammenzufassen, aus Urkunden Leben hervorzuzaubern, einem
toten Stoff Glanz zu verleihen; zumal das Menschliche erhält in der Darstellung der
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