Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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364 EMIL CERNAJ.

liehen Daseins klärt. So ist ein jedes Wort, ja eine jede Silbe in ihm
gewissermaßen mit Herzblut getränkt und legt Zeugnis ab von der
tragischen Sehnsucht des menschlichen Geistes nach Befreiung vom
Chaos durch die Einheit der Form.

Wem aber dieser Hinweis auf die schaffende Tätigkeit der großen
Menge nicht genügt, wer in vornehmer Abkehr jenen Erlebnissen un-
gezählter Menschen, von denen allerdings ein jeder für sich allein nur
ein geringes Scherflein zum Aufbau der Sprache beigetragen hat, kein
sonderliches Interesse entgegenbringen kann, dem mag der Gedanke
an die wenigen großen Geister genügen, die sicherlich in einem jeden
Volk zu irgend einer Zeit aufgetreten sind und in dessen Sprache
gefühlt und gedacht haben, gleichgültig, ob nun die Geschichte darüber
zu berichten weiß oder nicht. Es kann sein, daß in dem Moment,
wo du eine Sprache verlachst, irgendwo in der Welt eine tiefe Seele
nach innerer Klarheit ringt, vielleicht in namenloser Angst, vielleicht
am Rande jenes Erlebens, wo nach Zusammenbruch jedweder irdischen
Hoffnung wie im leuchtenden Wetterstrahl sich der Abgrund der Gott-
heit öffnet und daß sie in dem Ausdruck derselben Worte, welche
dir häßlich, roh und verschroben erscheinen, die heiß ersehnte Beruhi-
gung findet. Es gibt triftige Gründe genug, eine jede Sprache mit
Ehrfurcht zu behandeln.
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