Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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366 BEMERKUNGEN.

gleich glücklicheren Schwesterwissenschaft, der Logik, geblendet und verführt zu
werden. Denn es bedarf keines übermäßigen Scharfsinns, um zu bemerken, daß
der ästhetische Objektivismus (schon sogar historisch) in vielem eine Parallelerschei-
nung zur antipsychologistischen Bewegung in der Logik ist und die Gedankengänge
der letzteren sich selbst nutzbar zu machen unternimmt, ohne zu bemerken, daß in
beiden Gebieten die Sachlage eine schlechthin unvergleichliche, und wie wir noch
sehen werden, bis zu einem gewissen Grade sogar entgegengesetzte ist.

Beschränken wir nun also die Betrachtung der objektivistischen Lehre auf die
Geltungsfrage, das heißt auf die Frage nach dem Sinn der ästhetischen Gebilde, und
suchen wir zu einer kurzen Formulierung der diesbezüglichen objektivistischen Auf-
fassung zu gelangen. Wir glauben die objektivistische Geltungslehre folgendermaßen
am besten wiedergeben zu können: Wenn uns auch die psychologische Erfahrung
in unzweideutiger Weise lehrt, daß ästhetische Gebilde, mögen sie auch wie immer
phänomenologisch charakterisiert werden, erst vom erlebenden Bewußtsein aufgebaut
werden, freilich in einer vom Kunstwerk vorgeschriebenen Weise, wenn sie also
auch erst durch das ästhetische Erlebtwerden sich als dasjenige konstituieren, was
sie eben dem ästhetischen Sinne nach sind, so muß dennoch eine vom Erleben des
individuellen Bewußtseins unabhängig bestehende, eigengesetzliche Gegenständlich-
keit anerkannt werden, wenn anders das Ästhetische und die Kunst nicht auf das
Niveau des sinnlich Angenehmen zurücksinken soll. Oder anders, prägnanter: zwar
werden ästhetische Gebilde im ästhetischen Erleben erst wirklich, aber sie erhalten
ihren Sinn und Wert nicht von diesem Erleben her, sondern vielmehr umgekehrt
dieses von jenem. Nur durch Anerkennung solcher gegenständlichen, seelenunab-
hängigen »Geltungsquellen« kann der »überpsychologische« Wert des Ästhetischen
gerechtfertigt werden.

Es sei hierzu hier gleich bemerkt: Die Parallele dieser Auffassung zur logischen
Geltung liegt auf der Hand. Denn ebensowohl wie Urteile richtig sind, wenn in
ihnen ein Sachverhalt zur adäquaten Darstellung gelangt, sollen nunmehr ästhetische
Gebilde ihre »Richtigkeit« gleichsam der »Darstellung« ästhetischer Sachverhalte ver-
danken; und wie nun zwar in zahllosen individuellen Bewußtseinen die Urteile ge-
fällt werden, ihre Geltung aber schlechthin unabhängig ist von dieser psychologischen
Realisierung, ebenso müßte der Sinn ästhetischer Gebilde als unabhängig von den
zahllosen individuellen Bewußtseinen bestehend und in einer objektiven Ordnung
verankert gedacht werden und jene individuellen Bewußtseine verpflichtet sein, das
Vorgefundene sinngemäß zur Kenntnis zu nehmen. Wir wissen zwar sehr wohl, daß
manchen Objektivisten diese aufgedeckte Parallele ein wenig unheimlich anmuten
wird und man nur ungerne ihre Berechtigung anerkennen wird wollen; aber wir
fragen: Welche andere Bedeutung in Geltungsfragen kann die objektivistische Lehre
haben, wenn nicht die von uns dargelegte? Oder will man nur mit Worten spielen,
ohne sich zu irgendwelcher Eindeutigkeit, falls dieselbe verfänglich werden sollte,
verpflichtet zu fühlen? Dann müßten wir allerdings die Waffen strecken und auf
jede Kritik verzichten. Denn nichts ist unmöglicher, als die Kritik einer in vieldeutiger
Wehr schimmernden Lehre, die jeweils die angegriffenen Positionen verleugnen und
so jedem Angriff ausweichen kann. Doch ist glücklicherweise die Auffassung der
bedeutendsten Ojektivisten gerade in diesem Punkte so klar und unzweideutig, daß
wir auf einem unbestrittenen Diskussionsboden zu stehen hoffen. Die Frage daher
lautet: Ist die Deutung der Geltung ästhetischer Gebilde »vom Gegenstande her«
berechtigt? Oder anders: Ist die Seele und ihre Forderungen, oder seelenunabhän-
gige ästhetische Gegenständlichkeit und deren Eigengesetzlichkeit als die letztinstanz-
liche Weitquelle zu betrachten? — Dieses Problem will gründlich gelöst werden.
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