Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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BESPRECHUNGEN. 385

zu einer gewaltigen Waffe wider Paganismus und Häresie. »Loben sollen wir«
— sagt der Stifter des Jesuitenordens — »daß man Kirchen baut und ausschmückt
und Bilder der Heiligen verehrt.« Aber die Heiligen, vor denen man bis jetzt ge-
kniet, waren in ihrer gelassenen Milde und apollinischen Heiterkeit nicht die rich-
tigen Verbündeten im Feldzug wider den Antichrist. Jesus selber, das Lamm Gottes,
hatte sich — man denke an Michelangelos Weltgericht! — in den gewaltigen Herrn
der Heerscharen verwandelt, so mußten auch seine Vasallen den Panzer anlegen und
sich den Helm mit flatternder Zier aufs Kriegshaupt stülpen. Durchglüht von himm-
lischem Zorn, überschäumend von irdischer Kraft, so hat sie Tassos Phantasie er-
schaut, so Rubens sie gemalt, die »Caroni di Cristo«, die »heroischen« Heiligen.
Betrachtet man ihre Abbilder vom ikonographischen Standpunkte aus, hält man sich
an das Motivische in den Darstellungen, so läßt sich ihre Ahnenreihe über Raphaels
Heliodor und Correggios heiligen Georg (auf dem großen Gemälde in Dresden)
bis zum Ares vom Kapitol verfolgen, aber das wagemutige Feuer ihrer Blicke wurde
vom Wirken des heiligen Ignatius entfacht, und diese Hypothese Weisbachs gewinnt
uns vollständig, wenn wir an Rusconis Statue des Jesuitenheiligen denken. Ihr
Kunstwert ist unbeträchtlich, aber sie steht im Mittelschiff der römischen Peters-
kirche und darum darf die Art, wie Rusconi den Stifter des Jesuitenordens darstellte,
sozusagen kanonische Geltung beanspruchen: Betend reckt sich die Rechte des
Heiligen zum Himmel empor, den linken Fuß aber stemmt Ignatius Loyola auf die
Brust einer Furie, der Versinnbildlichung ketzerischer Reformideen.

Mehr als irgend eine andere Epoche war der Barock ein Zeitalter der Gegen-
sätze. Neben den streitbaren Jesuiten stehen die heilige Theresa, Juan de Ia Cruz,
der »Doctor ecstatico« und deren Anhänger, die durch Fasten und Geißelungen,
durch Askese und Nachtwachen das höchste Glück des Frommen erringen, in be-
seligenden Visionen den göttlichen Bräutigam erschauen wollten, durch mystische
Vermählungen ihre Seele dem Himmel antrauten. Man kann die Anregungen, die
Skulptur und Malerei diesen Gottsuchern verdankten, kaum überschätzen, obschon
für das Empfinden von heute der Barock Innerlichstes veräußerlichte, keuscheste
Seelenminne so schilderte, daß es schwer zu sagen wäre, — man denke an Berninis
»Vision der heiligen Theresa« oder an seinen »Tod der Ludovica Albertoni«! — wo
die Ekstasen einer sinnlichen Erotik in den heiligen Wonneschauer jener Begna-
deten übergehen, deren geschlossene Blicke die strahlende Himmelspracht in sich
saugen. Allenthalben wurden sie jetzt gemalt, besonders in Bildern, die häuslicher
Andacht dienten, jene Heiligen, die nur frommen Übungen leben, leichenfahle Visio-
näre, greise Eremiten, die, mit Lumpen angetan, in dunklen Klüften die göttlichen
Offenbarungen studieren, meditierend auf das Kreuz in ihren Händen schauen oder
aus weiten Fanatikeraugen, wo stets das Weiße der Iris hervorleuchtet, verzückt in
die lichte Glorie des Empyreums starren.

Aber mochten diese abgezehrten, von innerem Feuer "brennenden Mönche noch
so eindringlich die Abtötung des Fleisches, die Wollust der Keuschheit predigen, —
jene hundertjährige Bejahung der Sinne, die wir »Renaissance« heißen, konnte
durch kein noch so gebieterisches »Nein«, nicht durch Konzilsbeschlüsse und päpst-
liche Verordnungen im Augenblick vergessen gemacht werden und die Kirche, die
zuerst dem hüllenlosen Christus Michelangelos einen Überwurf schenkte, mußte sich
allmählich zu sehr weitgehenden Konzessionen an die »Schwäche des Fleisches«
herbeilassen. Die Abkehr von der Sünde paktierte mit der Sünde, himmlische und
irdische Liebe schlössen eine Vernunftehe und die Kinder aus dieser Verbindung
waren die vielen Darstellungen der büßenden Magdalena, der auch von den Dichtern
damals vielgefeierten heiligen Courtisane. Freilich, wir von heute gewahren trotz

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