Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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418 HERMANN BEENKEN.

die Aussagen Wesensaussagen, nicht Tatsachenaussagen sind. Auch
die Stilanalyse zielt, obschon überall von erfahrungsmäßig Gegebenem
ausgehend, genau besehen, in ähnlicher Weise auf »transzendental ge-
reinigte Phänomene-, und die Ordnungen, die sie erzielt, sind zunächst
nicht solche von realen Tatsachen, sondern Ordnungen nach dem
Wesen, und damit idealer Natur.

Im folgenden sei versucht, diesen Sachverhalt an der eigentüm-
lichen Verschiebung darzulegen, die der Sinn des Begriffes der Ent-
wicklung erfährt, sobald wir den Übergang von der Historie zur Stil-
analyse vollziehen, und zugleich aufzuzeigen, wie dieser Übergang im
Bereich der Kulturwissenschaften ein überall möglicher, daher wesen-
hafter und notwendiger ist!

Zunächst sei festgestellt, daß der Inhalt des Begriffes Entwicklung
kein fester, sondern ein schwankender ist. Er enthält zwei Momente,
die zugleich die Grenzen seiner Schwankungen bezeichnen, einmal
das Moment der kausalen Verflechtung von Ursache und Wirkung,
denn entwickeln kann sich nur ein Entstehendes aus einem Vor-
angegangenen als dessen Wirkung, und zweitens das Moment der
Richtung, in der sich etwas entwickelt, oder, wenn man es so be-
zeichnen will, das teleologische Moment. Der bloße dem Kausalgesetz
unterstehende Vorgang ist noch nicht Entwicklung, sondern er wird
es erst, wenn seine Phasen in ein Verhältnis der Nähe und Ferne zu
einem vorgestellten Anfangs- oder zu einem vorgestellten Endpunkt
treten.

Und nun ist wesentlich, daß sich der Entwicklungsbegriff mehr
nach der kausalen (realen) oder mehr nach der Richtungsseite (der
idealen) hin orientieren kann. So kann auch die historische Dar-
stellung, etwa die eines kunstgeschichtlichen Verlaufes das Schwer-
gewicht mehr auf die Realität des faktischen Vorganges legen, oder
mehr auf das Moment der Richtung, der inneren Gesetzmäßigkeit, die
von den faktischen Zufälligkeiten als solche nicht betroffen wird und
auch sie nicht betrifft. Die Zufälligkeiten sind solche natürlich nur von
der Vorstellung der Gesetzmäßigkeit der Entwicklung, der Richtung,
in der sie verlaufen sollte, aus gesehen, während die streng kausale
Betrachtungsweise den Begriff des Zufälligen ja von vornherein über-
haupt ausschließt.

So kommt es, daß sich etwa in der Kunstgeschichte eminent
historische Darstellungen wie die der Geschichte der deutschen Kunst
von Dehio und auf überhistorische Gesetzmäßigkeiten zielende Erörte-
rungen wie Wölfflins Grundbegriffe scheinbar ganz fremd gegenüber-
stehen. Das eine Mal ist der Entwicklungsbegriff — und das ist der
im engeren Sinne historische — im biographischen Interesse, im Inter-
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