Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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ZUR SYSTEMATIK DER KÜNSTLERISCHEN PROBLEME. 439

Allerdings hat jene unklare Verwendung des Wortes »Problem«
wenigstens den Vorzug, — ungefährlich zu sein: Sie wurzelt überhaupt
nicht in einem festen Begriff von »künstlerischen Problemen«, sondern
nur in einem Mangel an terminologischer Schärfe. Weit bedenklicher
ist der Fall, wenn hinter der bloß sprachlichen Unklarheit eine sach-
liche Verwechslung steht: die Verwechslung von »künstlerischem
Problem«, und »vorkünstlerischer Aufgabe«.

Wenn die »künstlerischen Probleme, jenseits der Erscheinungen
selbst zu suchen sind, so gilt für die »vorkünstlerischen Aufgaben«
das Gleiche. Nur liegen beide in ganz verschiedener Richtung:

Die »Aufgaben« gewinnt man, indem man den vorkünstlerischen
Tatbestand rekonstruiert, — einen Tatbestand, der sich aus mate-
riellen und ideellen Momenten zusammensetzt: Eine Wandfläche von
bestimmter Größe in einem bestimmten Raum ist mit Farben von be-
stimmter Zusammensetzung auszumalen! Gegenstand der Darstellung
soll eine Schlacht sein! — So gefaßt, ist sowohl das materielle wie
das ideelle Moment noch gänzlich gestaltlos und unanschaulich. Gerade
darum sind aber beide geeignet, als Vergleichspunkte für verschiedene
Bildgestaltungen zu dienen. In der Stellungnahme zu den gemein-
samen Vorbedingungen äußert sich die anschauliche Besonderheit. -
Wie aber wird der vorkünstlerische Tatbestand rekonstruiert? Falls er
nicht aus den Urkunden über einen Auftrag oder einen Wettbewerb
hervorgeht, muß er aus den Kunstwerken selbst erschlossen werden.
Dies geschieht durch Abstraktion: Man sieht von der besonderen
sinnlichen Erscheinung des fertigen Kunstwerks ab und bestimmt nur
die Technik als solche (Fresko), die Wahl des Motivs (Schlachtdarstel-
lung) und dergleichen allgemeine Momente mehr. Auf diese Abstrak-
tionen lassen sich dann die verschiedensten konkreten Gestaltungen
beziehen.

Es wäre ein Irrtum, nun anzunehmen, daß auch die »künstle-
rischen Probleme« auf dem Wege der Abstraktion bestimmt wür-
den x). In Wahrheit sind sie nicht durch »Rekonstruktion« zu gewinnen;
denn sie stellen überhaupt keine empirischen Tatbestände dar. Im
Gegensatz zu den »Aufgaben«, welche als äußere Vergleichspunkte
dienen, fällt ihnen die Funktion zu, eine Deutung zu ermöglichen, und
insofern müssen sie einen immanent-künstlerischen Ursprung
haben. Zugleich muß aber ihre Struktur von der der vorkünstle-
rischen Aufgaben wesensverschieden sein: Während die »Aufgaben«,
eben weil sie als Vergleichspunkte dienen, notwendig einen eindeutigen,

') Diese Verwechslung begegnet selbst in Tietzes »Methode der Kunstgeschichte«
z. B. S. 17 u. f., S. 393.
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